Uraufführung in den Berliner Festwochen – Ein ausgewogenes Ensemble

Von Johannes Jacobi

Nun fehlte nur noch das Fernsehen – dann hätten sich alle Medien der Darstellung an dem „dramatischen Gedicht“ Goethes versucht: vom Buch zur Bühne, von der Bühne zum Film und nun gar die Bühne im Film. Die jüngste Filmversion des „Faust“, die Ende vergangener Woche während der Berliner Festwochen uraufgeführt wurde, unterscheidet sich von Murnaus unvergessenem Faustfilm, in dem Emil Jannings den Mephisto dargestellt hatte, nicht nur in den technischen Mitteln. Inzwischen sind zwar Ton und Farbe hinzugekommen, aber sie verführten hier seltsamerweise nicht zu optischem Zauber, zu „filmgerechter Bildsprache“. Das Dichterwort tritt in den Vordergrund. Wer diesen neuen Faustfilm gesehen hat, kann sich sagen, er habe eine „Faust“-Aufführung erlebt, die an Wortkraft von keinem Theater übertroffen werden kann.

Eine aufsehenerregende Bühneninszenierung bildete den Ausgangspunkt: die Interpretation der Dichtung durch Gustaf Gründgens mit dem Ensemble des Hamburger Deutschen Schauspielhauses, wofür Teo Otto die Szenerie entworfen hatte. Die Hamburger Bühne ist originalgetreu für den Film aufgebaut worden. Es spielen dieselben Darsteller. Im Vorspann wird sogar die Erwartung erweckt, daß es sich um eine Dokumentation, um eine filmische Aufzeichnung dieser epochemachenden Gründgens-Inszenierung handele. Dann wird aber für den Film ein besonderer Regisseur genannt: Peter Gorski, Er ist Gründgens’ Assistent in der Leitung des Deutschen Schauspielhauses. Als Filmregisseur strebte Gorski nach einer Anpassung des Theaterkunstwerkes an die spezifischen Wirkungsmittel des Films.

Bei dieser Umsetzung werden viele optische Elemente sichtbarer. Der braune Saft in Faustens Giftphiole, der Weinzauber in Auerbachs Keller oder die Schmuckstücke, die Faust in Gretchens Schrank zaubern läßt – sie werden vom Zuschauer groß mitgesehen als „Partner“ der Personen. Gretchens (Ella Büchi) Mienenspiel gewinnt eine eigene, intime Dimension. Überhaupt bildet die Großaufnahme Gorskis Hauptinstrument; er gibt dem Film, was nur ihm frommt. Dabei zeigt sich, wer und was „photogen“ ist. Will Quadflieg, der Faust-Darsteller, hält dem penetranten Zugriff der Nahaufnahme stand. Sein Gesicht spiegelt den grüblerischen, alten Faust ebenso wie den zum Jüngling Verwandelten. Die Dialogregie des Films, bei dem Gründgens selber die künstlerische Oberleitung führte, ist so sorgfältig und Quadfliegs Sprechkunst so geschmeidig auf den jeweiligen Bildausdruck seiner Erscheinung abgestimmt, daß eine Einheitlichkeit der Gestalt erreicht wird, wie man sie selten auf einer Bühne – nicht einmal von Quadflieg – sah. Der Film ist Goethes Titelfigur derartig zu Hilfe gekommen, daß hier das Drama mit Recht einmal „Faust“ und nicht – wie in den meisten Bühnenaufführungen – „Mephisto“ heißt.

Das ist um so erstaunlicher, als den Mephisto der berühmte, der bewährte Gustaf Gründgens spielt. Seine Wirkung freilich ist hier brillant wie immer, und wenn sich bei der Uraufführung im Berliner Zoo-Palast Szenenapplaus erhob, dann war es für Gründgens und für den zynischen Witz, mit dem er den Junker Satan pointierte. Die spezifische „Gründgens-Wirkung“ setzte jedoch erst mit der Schülerszene und in Auerbachs Keller ein. Bei den Vorspielen auf dem Theater und im Himmel blieb seine Figur stumpfer als auf der Bühne. Auch die große Auseinandersetzung, die Gründgens-Mephisto über Fausts Kopf hinweg mit dem „Herrn“ im Himmel als Wettpartner führt, wurde – obwohl genauso wie auf dem Theater gespielt – dem Filmbetrachter nicht in gleichem Maße bewußt. Die Intimisierung der Bildfolge durch den Film war nicht allein ein Gewinn. Sie akzentuierte ungewollt die Gretchen-Episode.

Die Substanzminderung der Mephisto-Gestalt im Film hat gute Gründe. Als einziger gab Gründgens eine getreue Dokumentation seines Bühnen-Mephisto; er spricht im Theater auch für Zuschauer, die auf der Galerie sitzen. Doch diese Theatertugend und die Vehemenz, mit der er den Wortsinn herausschleudert, passen nicht unbedingt zur weichen Leinwand.