Professor Karl Jaspers hat unter dem Titel "Freiheit und Wiedervereinigung" in der ZEIT eine Artikelfolge veröffentlicht, deren Thesen leidenschaftlich umstritten werden. Aus der Fülle der Stellungnahmen, die uns erreichten, drucken wir eine Auswahl ab.

Einem bedeutenden Geist zu begegnen, ist immer ein Geschenk. Das gilt auch dann, gerade dann, wenn wir ihn als Widerpartei eigener Anschauungen empfinden. Indem er uns beunruhigt, zwingt er uns, schärfer zu durchdenken, was uns früher beschäftigt hatte. Indem er uns erschüttert, zwingt er uns, unsere Position fester zu begründen.

Es war ein großer Gewinn für uns Leser der ZEIT, daß wir aus Jaspers’ eigener Feder erfahren konnten, wie er denkt. Nur ungenau und bruchstückhaft war manches aus seinem berühmten Fernsehgespräch an die breite Öffentlichkeit gedrungen; nun können wir selber prüfen und entscheiden. Fruchtbarer war selten eine Auseinandersetzung, zu der wir uns in den fünf Wochen innerlich getrieben sahen, in denen wir die Aufsätze von Karl Jaspers über die Wiedervereinigung lasen.

Mit voller Wucht bedrängt uns wieder die quälende Frage, ob die Deutschen noch das Recht haben, für sich die staatliche Einheit ihres Volkes zu fordern. Nach alledem, was geschehen ist, können wir die sichere Unbefangenheit unserer Väter nicht mehr aufbringen. Sie hätten sich leidenschaftlich empört, wenn man ihnen eine solche Frage vorgelegt hätte. Sie hatten auch ein Recht dazu. Wir haben es nicht mehr. Wir müssen immer wieder darüber nachdenken, ob es nicht Rechte gibt, die ein Volk so gut verspielen kann wie ein Mensch, und ob dazu nicht auch das Recht auf Einheit gehört. Im vergangenen Jahrhundert schien es unverlierbarer moralischer Anspruch zu sein, auch in den Zeiten, in denen er nicht verwirklicht werden, erfüllt werden konnte. Gibt es solche unverlierbaren Ansprüche noch?

Es ist Mode geworden in Deutschland, diejenigen scheel anzusehen, die der Nation den Spiegel der zwölf Hitler-Jahre vorhalten. Sie weiß, daß sie vor dem Bilde zurückbeben muß, das sich ihr bieten wird, wenn sie lange hineinschaut. Darum macht sich unbeliebt, wer sie dazu bringen will. Eben darum ist es gut, daß von Zeit zu Zeit einer kommt, der den Mut hat, uns zu sagen, daß die zwölf Jahre nicht ungeschehen zu machen sind. Eine Nation, auch wenn das Einzelwesen entrüstet jeden sittlichen Vorwurf zurückweist, trägt Verantwortung auch für ein Zwangsregime. Sie muß wissen, daß diese Verantwortung noch lange weiterreichen wird.

Die Logik ist brüchig

Dennoch, wenn man wieder die Stunden des – bohrenden Zweifels durchlebt, zu denen diesmal Jaspers’ quälende Frage uns getrieben hat, bleibt am Ende doch das Nein. Ist es der drängende Wille zur Einheit, dem das Bild von deutscher Zukunft widrig ist, das Jaspers entwirft, und der das Bild deshalb nicht wahrhaben will? So mag es sein, wir wollen es nicht beschönigen. Aber so ist es nicht allein. Auch nüchternes Denken kommt immer wieder zu dem Schluß, daß Jaspers’ Logik brüchig ist.