London, im Oktober

Wie man in der Londoner City zu wissen glaubt, hält die britische Regierung trotz der kürzlich von den Commonwealth-Wirtschaftsministern erhobenen massiven Einwände an der Hoffnung fest, daß es ihr gelingen werde, schon in absehbarer Zeit zu einem befriedigenden Arrangement mit der EWG zu kommen. Vermutungen, nach denen sie von der in diesen Wirtschaftsminister-Beratungen laut gewordenen scharfen Opposition völlig überrascht worden sei, werden als wenig glaubwürdig bezeichnet. Man spricht nicht länger davon, daß es ein taktischer Fehler gewesen sei, die überseeischen Gäste um eine Verdeutlichung ihrer Reaktion auf eine etwaige Preisgabe des Systems der Empirepräferenz zu bitten, ohne ihnen zuvor auch die diese Preisgabe wettmachenden Vorteile einer großeuropäischen Lösung vor Augen geführt zu haben.

Vielmehr neigt man jetzt überwiegend der Auffassung zu, die Regierung sei bewußt darauf ausgegangen, akzentuierte Stellungnahmen herauszufordern – nicht nur um die hartnäckigsten Opponenten unter den Commonwealth-Ländern besser identifizieren zu können, sondern insbesondere auch zur Abstützung einer festen Verhandlungsposition für kommende Auseinandersetzungen mit den Sechs.

Gewiß ist Mr. Heath, der mit der Wahrnehmung aller europäischen Anliegen beauftragte Minister, während der letzten Sitzung des Europarates recht unverbindlich geblieben. Der Europarat mag indessen kein Forum zur Unterbreitung klarer und detaillierter Lösungsvorschläge sein. Vor allem will London natürlich die von Bonn für den Oktober zugesagte Übermittlung deutscher Vorschläge für eine Assoziierung Englands und der Sieben mit den Sechs abwarten.

Dem Vernehmen nach werden diese deutschen Entwürfe höchstwahrscheinlich auf eine Zollunion abzielen, unter der England sich zum Prinzip des gemeinsamen Außentarif bekennen müßte, zugleich aber auch gewisse Ausnahmen in der Form von Zollfreikontingenten für bestimmte Einfuhren aus dem Commonwealth zugestanden bekäme. Sie böte alle wirtschaftlichen Vorteile einer EWG-Partnerschaft, ohne dafür auch schon den völligen Abbau des Präferenzsystems und ein formales politisches Integrations-Engagement zu fordern. Es müßte sehr überraschen, wenn ein solcher oder ähnlicher Regelungsvorschlag hier nicht als höchst willkommen aufgegriffen werden sollte.

Unter allen diesen Umständen glaubt man hier und da in der City noch immer zuversichtlich voraussagen zu dürfen, daß es bereits in Jahresfrist zu einer Versöhnung zwischen EWG und EFTA kommen werde. Dies um so mehr, als die amerikanische Haltung sich zu wandeln scheint: war sie noch im letzten Herbst allen Versuchen eines Brückenschlages ausgesprochen feindlich gesonnen, so zeigt sie sich nunmehr eher wohlwollend neutral.

Das letzte Wort mag indessen bei General de Gaulle liegen, und so fehlt es also auch weiterhin nicht an Warnungen vor. allzu mutigen Erwartungen. Zwar scheinen Bundeskanzler Adenauer und der französische Staatschef übereingekommen zu sein, die Ausbildung der Sechsergemeinschaft zu einem supernational gesteuerten politischen Block zu suspendieren. Wenn Mr. Heath in den nächsten Tagen das Pariser Klima auszukundschaften sucht, wird er dort aber kaum Beifall für die Idee finden, daß es England ermöglicht werden soll, Präferenzen in den Handelsbeziehungen sowohl zum Gemeinsamen Markt wie zugleich weiter auch zum Commonwealth zu unterhalten.

Robert Niehaus