Just in dem Augenblick, da besorgte Politiker und Militärs Auflösungstendenzen innerhalb der NATO oder zumindest ihres gemeinsamen Führungs- und Befehlsapparates zu erkennen glauben, hat in Heidelberg ein neuer integrierter Stab seine Arbeit aufgenommen: CENTAG, die Central Army Group, die dem Befehlshaber der NATO-Landstreitkräfte in Mitteleuropa, dem General Speidel, unterstellt ist. In dieser Armeegruppe sind amerikanische, französische und deutsche Truppen zusammengefaßt. Sie ist verantwortlich für die Verteidigungsplanung im Süden der Bundesrepublik bis hinauf zum Ruhrgebiet und übernimmt damit die Aufgabe, die bisher der 7. amerikanischen Armee übertragen war. Diese Armee, die immer noch eine Sonderstellung innerhalb der NATO hatte, ist damit auch integriert worden.

Wenige Tage vorher hatte der NATO-Rat eine Vereinbarung gebilligt, die ebenfalls der Verschmelzung der NATO-Streitkräfte dient: Für Westeuropa wird ein gemeinsames Luftverteidigungskommando gebildet. Staatspräsident de Gaulle hat sich damit einverstanden erklärt, daß die in der Bundesrepublik und in einem schmalen Grenzgebiet Frankreichs stationierten französischen Luftstreitkräfte zur gemeinsamen Luftverteidigung herangezogen werden. Der Luftwarndienst für ganz Westeuropa soll koordiniert werden. Außerdem gestand er zu, daß die in der Bundesrepublik stationierten französischen Truppen mit amerikanischen Raketen ausgerüstet werden können, deren Atommunition unter amerikanischem Verschluß bleibt.

Diese Teilintegration – das Ergebnis langwieriger und zäher Verhandlungen – bedeutet jedoch keineswegs, daß de Gaulle von seiner Anfang September erhobenen Forderung nach einer Revision der NATO abrückt. Nach wie vor verficht er die Ansicht, daß die militärische Verteidigung auf nationaler Basis organisiert werden sollte. Nach wie vor bleibt fast ganz Frankreich aus der integrierten Luftverteidigung ausgeklammert – obwohl bei den heutigen Fluggeschwindigkeiten der schmale Streifen der Bundesrepublik für eine wirksame Luftverteidigung nicht tief genug ist. Und den Amerikanern ist es auch weiterhin nicht gestattet, in Frankreich Atommunition zu lagern.

Der Kompromiß über die Luftverteidigung ist gewiß ein Fortschritt, aber noch kein Grund zur jubelnden Freude. Resigniert faßte die Londoner Times die allgemeine Stimmung in die Worte: "Die NATO muß die französische Mitarbeit eben zu den Bedingungen des Generals annehmen."

H. M.