Der Exportrückgang verschärft die angespannte Situation auf dem Inlandsmarkt

Im Bundesgebiet gibt es heute fast 10 Millionen Kraftfahrzeuge und Mopeds; jeder 12. Einwohner ist Besitzer eines Personenkraftwagens. Von der Zuwachsrate in Höhe von 27,5 vH, die die Gruppe Personen- und Kombinationskraftwagen im ersten Halbjahr 1960 zu verzeichnen hatte, profitierten die kleinen Wagen am wenigsten, zum Teil überhaupt nicht. Bei Kraftwagen mit einem Hubraum bis zu 0,5 1 zeigte sich sogar sehr deutlich eine rückläufige Tendenz. Aber auch in der nächsthöheren Klasse ist ein Absatzrückgang zu bemerken, der bei zwei Firmen nicht nur zur Einschränkung der Produktion, sondern auch zu Entlassungen geführt hat.

Neben den sich in den letzten Monaten deutlich abzeichnenden Einbußen im westdeutschen Automobilexport waren diese Symptome für den Verband der Automobilindustrie Veranlassung genug, auf seiner letzten Mitgliederversammlung in Baden-Baden nicht mehr wie bisher von einem gedämpften, sondern nur noch von einem vorsichtigen Optimismus zu sprechen; ihn halten neuerdings auch solche Hersteller für zeitgemäß, deren Programme auf die mittleren und höheren Vagenklassen abgestimmt sind.

Wenn nicht alle Zeichen trügen, ist Deutschlands zweiter Platz in der Rangliste der Automobile produzierenden Nationen von Großbritannien stark bedroht. Die britische Automobilindustrie hat in der ersten Jahreshälfte 1960 im Vergleich zum Vorjahr ihre Produktion und ihren Export um je 50 vH steigern können. Aber auch Frankreich und Italien konnten die Ausfuhr um 27 bzw. 39 vH erhöhen, während die Bundesrepublik im ersten Halbjahr 1960 nur 16 vH mehr Kraftwagen ausführen konnte als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.

Gerade die westdeutschen Kleinwagenhersteller nehmen diese Entwicklung nicht ohne Verbitterung zur Kenntnis, zumal eine Verringerung der Exportquoten ihre schon angespannte Wettbewerbssituation auf dem Inlandsmarkt wesentlich verschärfen muß. Während die EWG-Partner Frankreich und Italien jede Chance nutzten, die ihnen der schon frühzeitig liberalisierte deutsche Automarkt bot, zeigt man in Paris und Rom bis heute für die berechtigten Exportwünsche der westdeutschen Kraftfahrzeugindustrie nur wenig Verständnis. So waren 1959 in Frankreich nicht mehr als 0,8 vH des Gesamtbestandes an Personenkraftwagen deutscher Herkunft, während sich der entsprechende Anteil französischer Fabrikate in der Bundesrepublik auf 2,2 vH belief. Von 253 321 Personenkraftwagen, die 1959 in Italien neu zugelassen wurden, stammen nur 4611, also rund 1,8 vH aus Westdeutschland, während im gleichen Jahr 10,3 vH der Neuzulassungen in der Bundesrepublik italienische Autofirmen zu ihren Gunsten buchen konnten.

Pkw gegen Äpfel

Hinzu kommt, daß mit Wirkung vom 1. September 1960 die italienische Umsatzausgleichsteuer für aus dem Ausland eingeführte Pkw von 4 auf 8 vH erhöht worden ist. Dadurch hat die laut EWG-Vertrag ab 1. Juli 1960 in Kraft getretene Zollsenkung für den italienischen Autokäufer wesentlich an Attraktivität verloren. Überdies muß er für einen importierten Pkw sofort Steuern bezahlen, während ihm beim Kauf eines italienischen Wagens eine halbjährige Schonfrist zugebilligt wird. Wie aus Bonn zu hören ist, sollen die Italiener nur unter der Bedingung bereit sein, mehr deutsche Kraftwagen zu importieren, wenn die Bundesrepublik die Obstimporte erhöht. Hier ergeben sich recht merkwürdige Relationen, die mit der Erfüllung der Verträge von Rom nur noch wenig zu tun haben.