Daraus ergibt sich die ganz eindeutige Folgerung: Konzentration ist nicht nur unvermeidbar, sondern verstärkte Konzentration ist wünschbar, ist erforcerlich. Viel zu einseitig wird heute der Blick auf die Grundstoffindustrien gerichtet, wenn von Konzentration gesprochen wird. Dort ist die Konzentration tatsächlich am weitesten vorangeschritten, dort mag sie in einigen Fällen sogar das Optimum überschritten haben. Aber es gibt Industrien (beispielshalber sei die Lastwagenindustrie genannt), bei denen Konzentration notwendig ist, wenn die Möglichkeiten des gemeinsamen Marktes genutzt werden sollen. Großproduktion für einen großen Raum läßt sich nun einmal nicht mit der Unzahl von Typen durchführen, wie wir Europäer sie aus Freude an der Vielfalt noch festhalten. Hier ist von den Vereinigten Staaten so gut zu lernen wie vom Sowjetimperium. Nur durch Konzentration kann die freie Wirtschaft des Westens die ihr gebotenen Chancen wahrnehmen und zugleich den Beweis erbringen, daß sie ebenso leistungsfähig ist wie die wachsende Planwirtschaft des Ostens.

Indessen: wenn es so liegt, daß das industrialistische System zwangsläufig im Westen wie im Osten Großkonzerne verlangt, die allein der technischen Entwicklung und den emporschießenden Bevölkerungsmassen Genüge tun, wenn hier wie dort eine Verbeamtung, eine Verapparatung der Wirtschaft die Folge ist, wenn eine planvolle Organisation der einzelnen Konzerne hier, eine totale und zentrale Planung dort sich als Organisationsform und -gehäuse aufdrängt, dann bleibt als Vorzug des Westens nur jene Domäne, die als Schlagwort soviel mißbraucht wird, daß man sie zu nennen sich fast scheut, und die doch seit der klassischen Zeit von Hellas das Scheidemerkmal geblieben ist und der schwerste Prüfstein für den Menschen und für jede menschliche Gesellschaft: die Freiheit. Ist sie aber auch in der industriellen Massengesellschaft wirklich noch ein Vorzug und eine Chance?

Wer auch nur die kurze Zeit des Tausend jährigen Reichs unter einer Despotenherrschaft gelebt hat, weiß, daß es nur ein volles und mutiges Ja gibt, wenn die geistige und wenn die politische Freiheit gemeint ist. Ich möchte jedoch hoffen, daß mit einigen Einschränkungen das Ja auch dann gilt, wenn die Wirtschaft und vor allem wenn der Mensch in der Wirtschaft visiert wird. Gewiß mit Einschränkungen; denn jeder Apparat beschneidet die Freiheit des Menschen, jeder Apparat bietet dem Streber und dem Schmeichler leichtere Aufstiegsmöglichkeiten als dem unbotmäßigen Neuerer, und schließlich ist in der Freiheit immer die Gefahr des Überbordens und des Umschlags ins Gegenteil erhalten. Und dennoch Ja auch in und für die Wirtschaft.

Das wird der nicht verstehen, für den Freiheit mit freier Konkurrenz identisch ist. Aber wenn diese Gleichsetzung richtig wäre, dann hätte es Freiheit noch niemals gegeben. So ist es nicht. Freiheit ist nicht einmal identisch mit Selbständigkeit – sonst wären nicht einmal die Unternehmensleiter frei. Wohl aber ist Freiheit identisch mit Selbstverant-Wartung, und ihrer sind Millionen von Menschen in nicht-totalitären Systemen fähig und teilhaft.

Es ist übrigens nicht einmal wahr, daß im Konzern der Wettbewerb aufhört. Man lerne am Beispiel von General Motors oder der P & O Märkte in den Vereinigten Staaten und, wenn auch tastend, an manchem Beispiel der europäischen Textil- und Autoindustrie, daß intern ein Wettbewerb aufrechterhalten wird, um die Verknöcherung des Apparats zu verhüten. Und man führe die übertriebenen Ängste des Mittelstandes auf ihr rechtes Maß zurück; der Detailhandel ist nicht durch die Warenhäuser zugrunde gegangen, wie vor Jahrzehnten ein laute Propaganda glauben machen wollte, sondern ist unter ihrem Schutz recht gut gediehen, und anders wird es auch in Zukunft nicht sein, wenn die Konzentration ihren normalen Fortgang zu Gebilden optimaler Größe nimmt.

Mehr als das ist nicht auszusagen. Auch wenn wir den Gang der rationalen Entwicklung in großen Zügen vielleicht entziffern können, entzieht sich das irrationale Element der Geschichte aller wissenschaftlichen Voraussage. Der Soziologe kann bis zu jenen Grenzen führen, welche die heutigen Aspekte der Konzentration umschließen. Aber er tritt zurück, wenn von ferne der Klang der Schicksalsglocke vernehmlich wird, der Gong der Weltgeschichte schlägt.