Ware in der Fabrik herstellen – damit ist es heute nicht mehr getan. In der Marktwirtschaft muß die Industrie den Käufer "bedienen". Ware mit Werbung verkaufen? Gewiß, die Industrie muß den Käufer immer "informieren", was sie ihm anbieten kann. Aber mit marktschreierischer Reklame dem, Käufer etwas aufzuzwingen, das ist vorbei. Wer heute etwas verkaufen will, der muß sich schon den Kopf des Käufers zerbrechen, herausfinden, was ihm wirklich dient. Ein Schuh muß den zivilisationskranken Fuß heilen, ein Stoff soll modisch sein, aber auch den Körper atmen lassen. Lebensmittel gar – da geht es direkt um die Gesundheit. Ohne die "Ernährungsindustrie" würden wir alle leben wie die chinesischen Bauern, ohne eine "gute" Ernährungsindustrie früh altern und krank werden.

Deshalb waren die Maggi-Werke zu loben, die in einem "Colloquium Culinarum" (zu deutsch: Küchengespräch) Wissenschaftler, Journalisten und Nahrungsmittelproduzenten miteinander um die volkstümliche gute Küche" auf einer Tagung in Frankfurt und Singen streiten ließen.

"Früher", sagte dort der Hamburger Physiologe Prof. Kühnau, "begann die Mahlzeit mit einem Tischgebet; man aß selbstgebackenes Brot (aus selbstgeerntetem Korn), in das man ein Kreuz schnitt, bevor man es anbrach. Statt dessen heute: Mißtrauen, Sektierertum, Reformtendenzen oft wenig guter Färbung." Bevor man aber die Industrie schilt, bedenke man, daß der beruhigte, einfach lebende Mensch von seinem Körper viel der Säfte und Vitamine erhält, deren Beschaffung der gehetzte Wohlstandsbürger heute von der Industrie verlangt und erhält.

Und: "Gewiß, die drei ‚K‘, Kirche, Kinder, Küche, das wollen wir also nicht mehr; aber soll das nun in der Zukunft Kirche (wenig), Kinder (nicht mehr als zwei) und Kantine werden?" Auch ohne die Massenverpflegung geht’s gewiß nicht mehr. Aber man erschrickt doch, wenn man die reizenden jungen Mädchen zwar Künstlerinnen in Mode und Kosmetik werden – aber in der Kantine essen sieht. Früher schauten sie zu, wie die Mutter kochte und lernten dabei für ihre Ehe. Und wo sind die handgeschriebenen Kochbücher geblieben? Heute gibt die Industrie gute Ware und gute Rezepte, bessere als die meisten Zeitschriften. "Es will uns scheinen", sagte Prof. Kieslich (Freie Universität Berlin), "als würde die Küche, wenn sie in den Zeitschriften in Erscheinung tritt, gleichsam verzaubert, wenn man weiß, wie wenig Zeit die Hausfrau zum Kochen oft neben dem Beruf noch hat und daß an einem durchschnittlichen Wochentag nur 47 vH der Hamburger Haushaltungen mittags und nur 18 vH abends Fleisch auf den Tisch bringen." Und, o Gott, Wilmenrodts Fernsehküche!

In der Tat: die deutsche Ernährungsindustrie ist nahe an der Küche des "Normalverbrauchers". Sie liefert ihm gutes und billiges Eiweiß, bewahrt Nährsalze und Vitamine. Sie verzichtet aber nicht auf die Mithilfe der Hausfrau: Fast alle "Fertiggerichte", die man in Deutschland kaufen kann, müssen "zubereitet" werden – anders als in den USA, wo man ganze Mahlzeiten fix und fertig im Karton kaufen kann; man schiebt sie in den Ofen, wärmt sie und ißt sie aus dem Pappdeckel. TV-Dinner heißen die Dinger – man kann während der Television-Schau essen, ohne hinzuschauen. Wovor uns Gott bewahre. G. B.