In denkbar bestem Einvernehmen haben die Tarifpartner des westdeutschen Steinkohlenbergbaus ihre Lohnverhandlungen zum Abschluß gebracht. Das Ergebnis dieser ungewöhnlichen Harmonie ist eine 12,00prozentige Aufbesserung der Bergmannslöhne zum 1. Juli nächsten Jahres (die Angestellten werden selbstverständlich folgen). Zwar sind nur 10 vH in zwei Etappen – eine Lohnerhöhung um jeweils 4,5 vH zum 1. Oktober 1960 und um weitere 5 vH zum 1. Juli 1961 – neu vereinbart worden. Aber bezieht man den seit Mai dieses Jahres vorweggenommenen Lohnausgleich für die dritte Stufe der Arbeitszeitverkürzung im Bergbau in Höhe von 1,3 vH und die Auswirkungen einer Korrektur der Lohnordnung mit 1,5 vH in die Rechnung ein, dann ergibt sich die respektable Korrektur der Bergmannslöhne um 12,8 vH.

Und trotzdem ist damit für beide Tarifpartner ein Happy-End erzielt worden. Der Unternehmensverband Ruhrbergbau kann darauf hinweisen, daß sich die von ihm gebilligten beiden Stufen von jeweils 4,5 und 5 vH vergleichsweise eng in die Richtzahlen des Blessing-Gutachtens halten und damit nicht wesentlich über das offiziell anerkannte Maß dessen, was konjunkturpolitisch für vertretbar gehalten wird, hinausgehen. Die IG Bergbau und Energie ihrerseits nimmt verständlicherweise die gesamte Lohnerhöhung – von 12,8 vH also – als Aushängeschild und kann damit ihren Mitgliedern beweisen, daß sie sogar mehr erreicht hat, als sie – mit 12 vH – ursprünglich gefordert hatte. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem sie streng genommen noch fast ein Dreivierteljahr an den geltenden Tarifvertrag gebunden gewesen wäre.

Beide Tarifparteien haben diesmal wirklich Arm in Arm den neuen Vertrag unterzeichnet. Denn hier waren Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleichermaßen davon überzeugt, daß eine spürbare Lohnaufbesserung für den Ruhrkumpel unerläßlich ist. Sie soll die Bremse sein für die starke Abwanderung von Arbeitskräften aus den Bergbaubetrieben, die weit über das Maß der geplanten Rationalisierung hinausgeht. Dabei bestand auf beiden Seiten ebenfalls von vornherein kein Zweifel darüber, daß die neuen zusätzlichen Lohnkosten intern "verkraftet" werden müssen, daß die Zechen also, keine Chance haben, an einen möglichen Ausgleich über den Kohlepreis auch nur zu denken.

Wenn schon die Einmütigkeit in den Tarifverhandlungen im Ruhrbergbau bemerkenswert war, so ist aber ganz gewiß die Eindeutigkeit in der Begründung für diese sehr beachtliche Lohnerhöhung in der westdeutschen Tarifentwicklung ein absolutes Novum. Es war weder von gestiegenen Lebenshaltungskosten der Arbeitnehmer die Rede, noch wurde ein eventueller Produktivitätsfortschritt bei den Zechen erörtert oder gar als Maßstab genommen. Noch nicht einmal die anerkannte Spitzenstellung des Bergarbeiters in der Lohnskala lieferte das Hauptargument. Ganz klar und eindeutig hat die Überzeugung, daß die gegenwärtigen Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt dem Bergbau Locklöhne vorschreiben, die gemeinsame Front der Sozialpartner bei der Kohle geschaffen. Das mag in diesem konkreten Fall begründet und gerechtfertigt sein – es wäre fatal, sollte solches Beispiel Schule machen. Nmn