Der Aufbruch der Neutralen in der UN

In immer rascherer Folge wechseln im Fortsetzungsdrama von New York die Szenen, die Stars, sogar die Handlungsfäden. Nur der Bösewicht des Stücks, das da unter der goldblauen Kuppel im Saale der UN-Vollversammlung über die Weltbühne geht, ist nun schon über zwei Wochen lang derselbe geblieben: Nikita Chruschtschow, der Herr aller Reußen und der meisten Kommunisten. Und es hat keineswegs den Anschein, als wolle er, der so sehr nach Buffo aussieht und doch so böse ist, sich bald in eine andere, freundlichere Rolle schicken.

Die 15. Herbstsitzung der UN-Vollversammlung hat einen unvorhergesehenen Verlauf genommen. Sie begann im düsteren Schatten der Kongo-Krise und mündete geradenwegs hinüber in die kälteste Kalte-Kriegs-Schlacht zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion. Im dritten Akt jedoch übernahmen Männer, die zuvor nur als Chargen aufgetreten waren, die Hauptrollen – Nehru, Nasser, Nkrumah, Tito und Sukarno. Mit Verve und Geschick setzten sie jenen Aufbruch der Neutralen ins Werk, der den Großmächten deutlich machte, daß der Block der Blockfreien nicht länger Objekt der großen Politik sein will, sondern endlich handelndes Subjekt, Mitgestalter des Weltschicksals: wenn nicht dritte Macht, dann doch dritte Kraft.

Die Symmetrie des Kalten Krieges

Die "Revolution der steigenden Erwartungen", die in den jungen Ländern der Erde neue Maßstäbe schafft und frische Impulse freisetzt, hat in der gläsernen Streichholzschachtel am East River die diplomatische Symmetrie des vergangenen Jahrzehnts ins Wanken gebracht. Die jahrelang umbuhlt worden waren von Ost und West, sie taten sich zusammen und kehrten den Spieß um; sie nahmen die Supermächte in die Zange und übten nun selber Druck aus, wiewohl bloß moralischen in neugewonnenem Selbstvertrauen, mit kaum verhohlenem Verdruß über die ewigen Querelen der beiden Giganten und in realistischer Einschätzung der Katastrophe, in die jene Streitereien führen mögen, wenn sie ungehemmt fortdauern sollten.

Dieselbe UN-Tagung, in welcher der Block der Blockfreien zur stärksten Fraktion im Weltparlament aufrückte, sah denn zum erstenmal dessen aktives Eingreifen, das Aufbegehren der Mittelmächte gegen die Großen und die Trassierung eines Mittelweges, der zwischen den Fronten des Kalten Krieges verläuft. Noch ist es höchst unwahrscheinlich, daß die Supermächte bald diesen Weg beschreiten werden; im Gegenteil, sie sperren sich aus mancherlei Gründen gegen ein neues Treffen, sei es nun auf einem Zweiergipfel oder auf dem Viererplateau à la Paris – und gerade die Gründe des amerikanischen Präsidenten sind gewichtige, sind gute Gründe.

Doch hat Eisenhower immerhin dem Mittelweg inzwischen offiziell sein Placet gegeben und die Neutralität, die vor nicht allzu langer Zeit noch in Washington als politischer Irrtum, ja als moralische Schwäche bewertet wurde, mit seinem Segen versehen. Von Macmillan gilt das ohnehin und schon seit langem. In seiner wahrhaft, staatsmännischen Rede vor dem UN-Forum, der wir Deutschen wegen der mutigen Verteidigung der Bundesrepublik besonderen Dank schulden, war ja ein Leitmotiv auch – und eines, das manch einem entgangen ist – die Tragik der gegenseitigen Furcht und der Gefahr, daß sich der Ost-West-Konflikt hineinverlängere in die eben erst mündig gewordenen Gebiete Afrikas und Asiens.