Ein Gespräch mit Jaspers wird dadurch überaus erschwert, daß sich in seinen Ausführungen Tatsachenbehauptungen und Werturteile, Geschehnisse und Deutungen, Traum und Wachsamkeit in einem schier unentwirrbaren Gemenge befinden. Daraus folgt eine innere Widersprüchlichkeit, die an einem Beispiel erläutert sei: Im Gegensatz zu den Erklärungen aller früheren Besatzungsmächte, zur weit überwiegenden Meinung im internationalen Schrifttum undzur Rechtsprechung insbesondere der schweizerischen und der angelsächsischen Gerichte stellt Jaspers für das Jahr 1945 ohne ein Wort des Beweises den Satz auf: "Es gab keinen deutschen Staat mehr." – Diese fragwürdige Einschätzung der Lage 1945 ist dann der Ausgangspunkt für eine offenbare Zwiespältigkeit: einerseits der scheinbaren Diagnose, mit der Jaspers das Neusein und Dasein eines auf Westdeutschland (die "Bundesrepublik") beschränkten Staates feststellen will, andererseits der Prognose in der Erzählung "Ich träume diesen Vorgang einer Staatswerdung" mit dem Verlangen, daß sich der freie, westliche Teil Deutschlands erst noch zu einem neuen deutschen Staat "erklären" und "als Staat sich eigentlich erst hervorbringen" müsse. Auf diese in sich gebrochene Annahme baut Jaspers seine "Hypothese eines zukünftigen freien deutschen Oststaates" auf.

Ist man mit Jaspers darin einig, das Grundproblem unserer Zeit in der Alternative "politische Freiheit oder totaler Staat" zu sehen, so wird sich Jaspers fragen lassen müssen: Worauf könnte sich die geringste Hoffnung gründen, daß der östliche Totalitarismus (der nach Jaspers’ Ansicht in Gestalt des russischen Imperiums die Zone schon "annektiert" hat) die Deutschen östlich des eisernen Vorhangs eher aus seiner Macht in die politische Freiheit entläßt, wenn sie einen eigenen Oststaat bilden und wenn die Deutschen westlich des eisernen Vorhangs sich nicht mehr mit ihnen solidarisch und für sie mitverantwortlich wissen? Und wäre es noch politische Freiheit, wenn den Deutschen östlich des eisernen Vorhangs durch internationales Statut ein Zwangsstaat auferlegt wird? Ist also politische Freiheit so teilbar, daß von ihr die eigene Entscheidung, ob diese Bevölkerung überhaupt einen gesonderten Staat bilden will, abgetrennt werden kann?

Zu diesen Fragen findet sich bei Jaspers nichts. Der uns angesonnene Verzicht auf die Gemeinsamkeit des deutschen Staates soll doch auch nach seiner eigenen Meinung den zweifachen Sinn haben, dem deutschen Weststaat und dem deutschen Oststaat zur politischen Freiheitlichkeit zu verhelfen. Wie denn aber, wenn Jaspers selber nichts dazu beiträgt, diesen Sinn einsichtig und seine Aussicht glaubhaft zu machen? Dann bleibt hinter allen Worten statt einer Position bloß die Negation aus der Polemik gegen den Staat Deutschland, den Jaspers irrig für einen Nationalstaat hält – der er niemals war, auch nicht zu Bismarcks Zeit. Die deutsche Frage, von der Jaspers grollend meint, einst Preußen und jetzt wir hätten sie zur außenpolitischen gemacht, war seit je internationaler Art. Der Westfälische Frieden, aus dem sich Preußens Schutzmacht für Deutschland entwickelte, wurde nicht von den Deutschen nur untereinander geschlossen, und die kleindeutsche Lösung, durch die sich Bismarcks Bescheidenheit vom illusionären Nationaltraum der Paulskirche abhob, wurde in Versailles weniger 1871 als 1919 besiegelt.

Die politische Freiheit, um die es geht, hat den Frieden zur Voraussetzung. Eine Zweistaatlichkeit Deutschlands brächte uns und unseren Nachbarn immerwährenden Zwist, keinen Frieden, keine Freiheit. Man kann sich Staaten nicht ausdenken. Ein Staat legitimiert sich geschichtlich durch seine Notwendigkeit für den Frieden.

Es ist zuzugeben, daß der deutsche Staat es infolge seiner inneren Mängel an dieser Legitimation hat fehlen lassen. Ich sehe den Wert in Jaspers’ Kritik, auch wenn sie oft weit über das Ziel hinausschießt, darin, daß er uns auf die Probe stellt: Wie werden wir aus einem apolitischen und in Emotionen gefangenen Volk zu politischen und freiheitlich denkenden Staatsbürgern? Die Künstlichkeit einer Staatsspaltung könnte dazu nichts leisten. Adolf Arndt