b. k., Berlin, Anfang Oktober

Frau Lesser-Reichwald aus Berlin-Halensee, Joachim-Friedrich-Straße 26, hatte es gut gemeint. Sie hatte kürzlich in England eine Bekannte gesucht, die im Gespräch erwähnte, sie habe einen Bruder in Ostberlin. Offenbar bestanden zwischen den Geschwistern nur noch lockere Beziehungen, aber die Schwester wollte dennoch ihrem Bruder eine kleine Freude machen. Sie packte drei Tafeln Schokolade ein und bat den Westberliner Besuch, das Päckchen in Berlin auf die Post zu bringen. Die Bitte wurde erfüllt.

Der Empfänger in Berlin-Treptow aber war über die Sendung ganz und gar nicht erfreut. Er schickte das Päckchen per Einschreiben an den Absender zurück und schrieb einen geharnischten Begleitbrief, Dieser Brief wurde in der Ostberliner "BZ am Abend" veröffentlicht. Darin stand u. a.:

"Da ich nicht wüßte, womit ich dieses Geschenk verdient hätte" – so hieß es dort – "und nicht gewohnt bin, mildtätige Gaben anzunehmen, geht die Sendung eingeschrieben an Sie zurück. Sie werden verstehen, daß ich Überlegungen anstelle, was Sie zu dieser Sendung veranlaßt haben könnte. Bisher hatten wir seit Jahrzehnten keinen rechten Kontakt mehr. Wenn der Wunsch bestand, das zu ändern, so war eine unerbetene Geschenksendung gewiß der letzte Weg hierzu.

So muß ich zu dem bedauerlichen Schluß gelangen, daß sonst recht intelligente Menschen auf die allseitige und massierte Irreführung im Westen hereingefallen sind: daß nämlich in der DDR Mangel oder gar Not herrsche. Wenn Sie und Ihresgleichen weiter so fromm glauben und schlafen werden, wäre es möglich, daß die Welt ein drittes Mal in furchtbares Unglück durch die in Westdeutschland Herrschenden gestürzt wird. Die Päckchensendepropaganda ist Kriegspropaganda! Sie soll die westliche Bevölkerung psychologisch auf die ‚Befreiung‘ der notleidenden ‚Zone‘ vorbereiten."

Es mag richtig sein, daß manchen Leuten in der Bundesrepublik die Floskel von den "armen Brüdern und Schwestern in der Zone" zu leicht über die Lippen geht. Und manche Geschenksendungen mögen auch fatal an jene Spenden erinnern, die man früher der Heidenmission zukommen ließ. Aber soviel öffentliche Entrüstung über drei Tafeln Schokolade stimmt doch etwas bedenklich.

In der Tat ist es höchst fraglich, ob der Empfänger der Schokoladensendung seine Antwort selbst formuliert hat. Sein "Eingesandt" steht unter der Chiffre J. U. N 113. Das Postamt N 113 liegt aber im Bezirk Prenzlauer Berg und nicht im Bezirk Treptow, wo der Empfänger wohnt.