r. g., Sielmingen

Jüngst habe ich in kleinem Kreise ein Jubiläum gefeiert: tausend Tage ohne Telephon. Vor über drei Jahren hatte ich es beantragt. Das Haus, in das wir einzogen, hatte damals noch keine Treppen, es war unverputzt, und ich sagte mir, daß sich jetzt – solange das Haus noch im Rohbau war – der Anschluß sicherlich am besten installieren ließe. Nun habe ich nur noch die Hoffnung, daß die Kabelverleger dann kommen, wenn in einigen Jahren die erste Generalüberholung des Hauses fällig sein wird.

Das erste, was ich auf meinen Antrag hörte, war unterm Geschäftszeichen IV C 5 4203-Oa ein höfliches Schreiben vom Fernmeldeamt: der Anschluß könne nicht hergestellt werden, da kein freier Stromweg vorhanden sei. "Ihr Auftrag wird jedoch ausgeführt, sobald das Kabelnetz erweitert ist oder Zweieranschlüsse wieder geschaltet werden können. Ein genauer Zeitpunkt hierfür läßt sich allerdings noch nicht nennen." Das war im Jahre 1957.

Nach einem Jahr erkundigte ich mich nach einem freien Stromweg. Das Fernmeldeamt, das in der Grußformel versicherte "Stets gerne zu Ihren Diensten", konnte mir diesmal nicht zu Diensten sein. Es war die Rede von der äußerst angespannten Finanzlage der Bundespost, von dringlicheren Anschlußwünschen und davon, daß man noch immer keinen Zeitpunkt für den Anschluß nennen könne.

Am 8. Januar 1960 wurde unaufgefordert – diesmal in einem hektographierten Formblatt – mitgeteilt, daß sich die Verhältnisse in der Zwischenzeit noch nicht geändert hätten.

In Sielmingen, einem etwa 3200 Einwohner zählenden Ort, bin ich nicht der einzige, der auf seinen Anschluß wartet. Viele Stuttgarter haben sich hier, am Rande der Großstadt, ihr "Häusle" gebaut und warten auf ein Telephon. Wer telephonieren will, geht zur Tankstelle, zum Arzt, zum Metzger. Denn die Post hat gerade dann meist geschlossen, wenn man jemanden anrufen will...

Die lange Leitung der Post hatte schließlich sogar einen Landtagsabgeordneten zu einer Anfrage bewogen. Das Innenministerium teilte mit, daß die Stuttgarter Oberpostdirektion ihre jährlichen Ausgaben für den Ortsnetzausbau von 1957 bis 1960 verdoppelt habe. "Die Nachfrage nach Fernsprechanschlüssen ist jedoch so stürmisch, daß es, trotz den hohen Investitionen, vorerst nicht gelingt, allen Wünschen auf Neuanschlüsse wartezeitlos nachzukommen."

Da ich kein Telephon habe, wird die Verbindung zwischen der Außenwelt und mir telegraphisch aufrechterhalten. Freilich können die Absender nicht immer damit rechnen, daß mich die Telegramme rechtzeitig erreichen. Ich habe schon manches Telegramm im Briefkasten entdeckt, das dort stundenlang gelegen hatte...