Von Rudolf Hagelstange

Es war kurz nach der Olympiade. Ich hatte mir viele Zeitungen mit an den Strand genommen, wo ich mich von den römischen Strapazen zu erholen gedachte. Als erste kam mir der "Figaro litteraire" in die Hände, eine der drei oder vier Literaturzeitungen also, die allwöchentlich in Frankreich erscheinen und internationalen Ruf besitzen.

Das Blatt zeigte im roten Geviert das Erscheinungsdatum: Samedi 10 Septembre 1950. Neben dem Zeitungskopf trug es die Schlagzeile "Ce que j’ai vu aux jeux de Rome". Der Beitrag über die Olympischen Spiele setzte sich im Innern des Blattes um eine weitere ganze Seite fort.

Als ich mir das so betrachtete, befiel mich eine abgrundtiefe Melancholie. Ich entsann mich des Umstandes, daß wir im bundesrepublikanischen Deutschland keine einzige Zeitung dieser Art besitzen und daß diejenigen, die wir – vor nun schon mehreren Jahren – besaßen, an Cliquen-Geist, Voreingenommenheit und nachfolgendem Abonnentenschwund eingingen. Zugleich aber wurde mir auch bewußt, wie unvorstellbar es in Deutschland, dem heutigen und Ewiggestrigen, wäre, in einer literarischen Zeitung ein so aktuell alltägliches Thema behandelt zu finden. Der "deutsche Geist" geistert seit mehreren Jahrzehnten neben dem, was geschah und geschieht oder was man Geschichte nennt, beziehungslos oder gleichgeschaltet, sozusagen beiläufig nebenher, oder er sucht sich durch risikolose, oft auf Vorurteil und mangelnder Sachkenntnis beruhender Opposition interessant zu machen.

Glückliches Frankreich (so dachte ich), das der olympischen Medaillen so wenige eroberte, aber den Großmut des Geistes besitzt, der Anmut, dem Ehrgeiz, der Leistung des Körpers zu huldigen, ohne auch nur einen Augenblick lang der Zwangsvorstellung zu erliegen, die Hegemonie des Geistes müsse auf der Niederlage und Verachtung des Körpers erbaut werden.

Französischer Geist respektiert – aus einem klassischen, lateinischen Instinkt heraus – den Leib: seine Schönheit, seine Verführung, Eleganz, natürliche Überzeugungskraft. "Deutscher Geist" dagegen hält auf reinliche Scheidung, auf Au:arkie. Er kommt ohne den gesunden Körper aus. Ja, er erhebt gewissermaßen den Buckel Lichtenbergs zum Symbol des literarischen Olymps, als wäre gerade dieser Buckel die Voraussetzung Lichtenbergschen Witzes.

So war es denn wahrscheinlich weniger verwunderlich, als es im ersten Augenblick scheinen mochte, wenn sich gerade in den Wochen, da sich gut dreihundert junge Leute aus Deutschland als Vertreter der verschiedensten Sportzweige in Rom erstaunlich gut schlugen, der buchenswerte Vorgang abspielte, daß an allen Ecken, auch in führenden Blättern, sich Vertreter des deutschen literarischen Olymps zu Wort meldeten und hochdramatische Bannflüche schleuderten: gegen die Olympischen Spiele in Rom und überhaupt, gegen den Leistungssport im besonderen, gegen den Körper und seine Entartung, gegen Rekordbetrieb – kein negativer Effekt, den man dem Sport nicht nachgesagt, kein positiver, den man ihm nicht bestritten hätte.