K-a, Frankfurt/a. M.

Wenn eine Venus heimlich auf Reisen geht, raufen sich die Verlassenen die Haare. Ist sie eines Tages wieder da, plötzlich, vielsagendschweigend, möchten ihre Verehrer so vieles fragen. Doch die Schöne gibt das Geheimnis ihrer mysteriösen Reise nicht preis. Sie schweigt.

Auch die "Venus" von Lucas Cranach dem Älteren, eine reife Frau von 428 Jahren, die nur für 250 000 Mark käuflich ist, hat ihre Geheimnisse. Jetzt ist sie wieder in der Städelschen Kunstgalerie, ihrem Stammsitz in Frankfurt. Geheimnisvoll, wie sie sich entfernt hatte, ist sie wieder aufgetaucht. Am 9. Dezember vorigen Jahres wurde ihr Verschwinden entdeckt. Sorgsam in Watte verpackt fand man sie wieder, in einem Schließfach des Münchener Hauptbahnhofs.

Ein Telephonanruf in rauhem Deutsch hatte sie angekündigt: "Du bist gute Polizei; Du sperren Fach auf und holen wertvolles Bild, wo muß nach Frankfurt." Der Anrufer hatte sich dann schnell verabschiedet, weil "gleich weggeht Flugzeug nach Guatemala". "Gute Polizei" tat, wie ihr geheißen. Sie befreite die nackte Schöne aus ihrem finsteren Verlies und raste zum Flugplatz. Doch kein des Raubes Verdächtiger war dort zu finden. Nur ein Briefchen – immer sind Briefe die einzigen Zeugen für die Abenteuer von Frauen – verkündete neben dem Bild: "Zurück aus Guatemala. Wir malten dasselbe. Dem deutschen Volk vielen Dank."

Kein Zweifel, es war die Venus. Professor Holzinger, der Direktor der Städelgalerie, bestätigte ihre Identität. Rund 10 000 Mark hatte man seinerzeit demjenigen versprochen, der sie wiederbrächte, und die Polizei sollte bestimmt nichts davon erfahren. Ein solches Gentleman-agreement war zwar strafrechtlich Unbedenklich – aber auch ebensowenig verpflichtend für Polizei und Staatsanwalt. Über hundert Spuren hatte man bisher ergebnislos verfolgt. Jetzt, zum Kuckuck, will man den Kerl haben ...

In Guatemala und auch anderswo laufen die Ermittlungen auf Hochtouren. Welches Gangsters zarte Seele mag Gefallen gefunden haben an der spindeldürren Dame, die weder Brigitte Bardots Schmollmund noch Lollos Kurven aufzuweisen hat und sogar nicht dem modernen Schönheitsideal entspricht? War sie überhaupt in Guatemala?

Oder hatte die Entführung andere Motive? In Kunsthändlerkreisen weiß man etwas vom "Grauen Markt". Man munkelt von vernarrten Ästheten und reichen Psychopathen, die insgeheim solche Schätze sammeln. Zur Beschaffung würden "schwere Jungens" gedungen, und die Bilder wanderten dann auf Nimmerwiedersehen in die Keller von Dollarschlössern. Nur des Nachts mache sich der gequälte Besitzer auf, steige im Schlafrock in die finsteren Gemächer und berausche sich an seinem Besitz.