Die Stadt München hat vom Stadtrat des israelischen Sektors der Stadt Jerusalem eine moralische Ohrfeige bekommen. Unter dem Eindruck "gewisser Vorkommnisse" um die Jahreswende 1959/60 hatte der Münchner Stadtrat spontan einen Vorschlag aller Parteien angenommen, mit Israel Verbindung aufzunehmen, um einen Austausch kultureller Veranstaltungen einzuleiten. Es sollte damit "die Aufgeschlossenheit der Münchner Bevölkerung für das kulturelle Eigenleben Israels" bekundet werden.

Eine löbliche Absicht, für die sich der neue Oberbürgermeister Dr. Vogel impulsiv und energisch einsetzte. Sein Abgesandter, Kulturreferent Dr. Hohenemser, fand auch bei den zuständigen staatlichen Stellen in Jerusalem durchaus kein ungünstiges Echo. Aber während mit dem israelischen Außenamt noch Verhandlungen im Gange sind, gab der Jerusalemer Stadtrat die brüske Erklärung ab: angesichts der Naziverbrechen sei es immer noch unmöglich, kulturelle Beziehungen mit deutschen Städten zu pflegen, "ganz besonders nicht mit München, der Wiege der Nazibewegung."

Nun, es wäre leicht, zu diesem Vorfall einen gekränkten Kommentar zu geben über Unversöhnlichkeit, Zurückweisung einer dargebotenen Hand, Beschimpfung von Unschuldigen und dergleichen mehr. Indessen, die gerade gegenwärtig wieder laufenden KZ-Prozesse sollten uns doch das Gedächtnis hinreichend auffrischen, um uns begreifen zu lassen, daß es nicht an uns Deutschen ist, den Schlußstrich unter Vergangenes zu ziehen (falls ein solcher überhaupt möglich ist).

Ein Vorschlag zu einem Kulturaustausch enthält seinem Wesen nach in sich nicht nur die Mutmaßung, durch diesen Austausch von dem Partner eine Art ehrender Anerkennung zu erfahren, sondern auch die Unterstellung, den andern mit dem Angebot zu ehren. Wie aber kämen wir zu dem optimistischen Glauben, auch in diesem Falle müßte die "Ehrung" als solche empfunden und angenommen, ja, erwidert werden?

Ich erinnere mich, vor einigen Jahren aus dem Munde des Generalsekretärs des Zentralrates der Juden in Deutschland, van Dam, gehört zu haben: der zur Zeit bei uns vielfach zu beobachtende hektische Philosemitismus sei ihm nicht sympathischer als die gelegentlich festzustellenden Reste des Antisemitismus.

Was damit gemeint sein sollte, war klar und wurde obendrein erläutert: der Salto von millionenfachem Mord zu kriecherischer Liebedienerei ist (auch ohne Kollektivschuldhypothese) zu ungeheuerlich, um beruhigend zu wirken, um davon zu überzeugen, daß der wünschenswerte Prozeß einer gründlichen Selbsterforschung und ernsthaft begründeten Neuorientierung des Volkes, innerhalb dessen jene Greuel immerhin geschehen konnten, wirklich bewältigt worden sei.

Wir täten besser, uns in dieser Sache weniger übereifrig, bescheidener, zurückhaltender zu zeigen. Es kommt uns ganz einfach nicht zu, hier die Verständigungsbereiten zu spielen, Kontakte zu wünschen und arrangieren zu wollen, Versöhnungsschritte anzuregen. Wenn Männer wie Martin Buber, Viktor Gollancz, Yehudi Menuhin und manche gleichen Formats die menschliche Größe aufbrachten, sich für Versöhnung zu entscheiden, so ehrt das sie, nicht uns. Es spricht daraus eine geistige Überlegenheit, die weder allgemein vorausgesetzt, noch gar erwartet, noch durch irgendwelche Maßnahmen gefördert werden kann. Wir haben uns davor zu hüten, aus derartigen Beispielen den falschen Schluß zu ziehen, es sei bereits sozusagen "alles wieder gut".