Bad Reichenhall, eineinhalb Autostunden von München entfernt, hat den gefährlichen Konkurrenten "Meersalz" auf besondere Art ausgestochen. Der wegen seiner ergiebigen Salzquellen einst das "reiche Hai" genannte Ort, von Karl dem Großen wie von Friedrich Barbarossa gefördert, besann sich im vorigen Jahrhundert der heilenden Kraft des Salzes. Nach dem großen Brand von 1834, dem ein großer Teil der Stadt zum Opfer fiel, fanden sich zwei beherzte Männer: der Landgerichtsassessor von Pechmann und der Steuerinspektor Rinde. Sie bauten zwölf Jahre danach das Schloß Axelmannstein zur ersten Solekuranstalt Bad Reichenhalls um. Zum Programm des Hauses gehörten bereits Moor-, Molken- und Wellenbäder.

Die Skeptiker solcher Heilmethoden wurden schnell besänftigt, als König Max II. von Bayern zur Kur erschien ("allerhöchst dieselben geruhten, sechs Wochen dort zu bleiben") – und auch wiederkehrte. Bald kamen Gäste aus ganz Europa, und sogar Preußen fanden sich ein. Die erste Badeschrift veröffentlichte 1848 Doktor von Seeböck. Er gewann die Aufmerksamkeit der Ärzte, und 1895 wurde ein Bruder Justus von Liebigs, Dr. Georg von Liebig‚ als Gerichts- und Salinenarzt in den Ort berufen. Er nutzte die Erfahrungen russischer und französischer Wissenschaftler über die Wirkung verdünnter und verdichteter Luft auf den Organismus und unternahm die ersten Versuche mit pneumatischen Kammern Es waren die ersten der Welt.

Heute sind diese Druckkammern im Kurmittelhaus mit den letzten Mitteln der Technik ausgestattet. Angewendet werden sie bei der Blähsucht der Lungen (Emphysem) und bei Asthma. Der Patient wird dabei langsam steigendem und abfallendem Druck ausgesetzt. Die Behandlung, die jeweils etwa zwei Stunden dauert, wird mit Atemgymnastik und Bindegewebsmassagen ergänzt. Die Kombination der drei. Methoden verspricht gute Ergebnisse.

Nicht weniger wichtig ist die Inhalationsbehandlung. Durch feinste Verstäubung der Sole des Karl-Theodor-Brunnens gelangen Aerosolteilchen in die tiefsten Luftwege. Hinzu kommt die Rauminhalation in Einzelkabinen mit Sole unter Zusatz von Latschenöl. Ergänzt wird die Behandlung durch Spülungen – auch mit zugesetzten Antibiotica – von Nase und Rachen. Für Trinkkuren wird das Wasser der Kaiser-Karl-Quelle – mit oder ohne Molkebeigabe – genutzt. Zu erwähnen sind ferner Solebäder, denen auch Latschenkiefernextrakt beigefügt wird, und bei Frauenleiden haben sich Sitzbäder mit Mutterlauge, dem Restprodukt bei der Salzgewinnung, bewährt. Zu den Heilanzeigen gehören neben Asthma und Emphysem auch Bronchitis, Herzleiden und Gefäßstörungen, Frauenleiden und Kinderkrankheiten.

Die Luft in Bad Reichenhall hat einen hohen Feuchtigkeitsgrad – wohltuend für die Atmungsorgane. Und was das Atmen überhaupt angeht: Goethe hat einen Vers gedichtet, den sich der Ort ins Wappen schreiben könnte. "Im Atmen", schrieb er, "liegen zwee’en Gnaden: Die Luft einziehen – sich ihrer Entladen Richard Kühr,