Die Lohnfortzahlung wird aktuell

Eine weitere Verbesserung der wirtschaftlichen Situation der Arbeiter im Krankheitsfalle gehört seit einigen Tagen zu den festen Zusagen, die die CDU/CSU ihren Wählern gegeben hat. Da jede solche Zusage auch eine Kostenseite hat, lohnt es sich, einmal den Auswirkungen der im Jahre 1957 durch das Lohnfortzahlungsgesetz bereits erfolgten Verbesserungen nachzugehen.

Die Aufwendungen der gesetzlichen Krankenversicherungen für Kranken-, Haus- und Taschengeld sind von 1956 bis 1958 um genau 100 Prozent, nämlich von 1,150 Milliarden DM auf 2,3 Mrd. DM gestiegen. Die Statistik des Krankenstandes weist für den Zeitraum von 1956 bis 1959 einen Anstieg der Morbidität um rund 15 vH aus; 1956 waren von 100 Pflichtmitgliedern mit sofortigem Anspruch auf Barleistungen 4,77 krank, 1959 waren es 5,47.

Im Bundesarbeitsministerium ist man der Auffassung, daß der wesentliche Grund für diesen Anstieg der Morbidität darin zu suchen ist, daß infolge des Lohnfortzahlungsgesetzes vom Juli 1957 der dritte. Karenztag bei ambulanter Arbeitsunfähigkeit und bei Unfällen und Berufskrankheiten alle drei Karenztage weggefallen sind. Das Bundesarbeitsministerium räumt im übrigen ein, daß nach Erlaß des Lohnfortzahlungsgesetzes für den Arbeiter häufig kein Anlaß mehr bestanden hat, wegen des drohenden Lohnausfalls bei leichteren Erkrankungen nicht den Arzt aufzusuchen. Der Versicherte, so heißt es im Bundesarbeitsblatt, werde heute eher bereit sein, sich bei leichteren Erkrankungen sofort krank schreiben zu lassen. Das sei in der Regel keine mißbräuchliche Inanspruchnahme. Allerdings seien die Grenzen vom gesundheitlich Notwendigen bis zu einer mißbräuchlichen Inanspruchnahme fließend.

Nun mag man über die berechtigte oder mißbräuchliche Inanspruchnahme so lange streiten wie man will – Tatsache ist, daß nach Inkrafttreten des Gesetzes zur wirtschaftlichen Sicherung der Arbeiter im Krankheitsfalle (Lohnfortzahlungsgesetz) die Kassen in zwei Jahren eine Milliarde DM Krankengeld zulegen mußten, einen Betrag, den sie mit Beiträgenhereinholten, die mittlerweile im Durchschnitt aller Kassen bei 8,4 Prozent des Grundlohns liegen, während sie bis 1956 recht stabil geblieben waren und sich auf durchschnittlich. 6,3 Prozent beliefen. Um weitere ebenso logische wie unpopuläre Steigerungen der Beiträge zu vermeiden, hat sich die CDU bei ihrem neuen Vorhaben, eine faktisch völlige Angleichung des wirtschaftlichen Status kranker Arbeiter an den kranker Angestellter herbeizuführen, tunlichst nach anderen Kostenträgern umgesehen und ist dabei wie gewohnt auf die Wirtschaft verfallen.

Zwar sind die Einzelheiten dieser Lastenverteilung noch nicht ausgehandelt, doch wird man in Anbetracht der Welle der Ansprüche, die auf die Kassen zukommen (Einzelhonorierung, freie Arztzulassung, Leistungsausweitung ohne wirksame Selbstbeteiligung, höhere Pflegesätze für die unterdotierten Krankenhäuser, Zunahme des Rentneranteils mit ungenügend gedeckten Aufwendungen) damit rechnen dürfen, daß die Arbeitgeber nicht gerade billig davon kommen.

Die Arbeitgeber werden nicht nur die Differenz zwischen jetzt 90 und zukünftig 100 Prozent des Nettolohnes in ihrem Arbeitgeberzuschuß aufbringen müssen, sondern man wird ihnen auch noch einen Teil des Krankengeldes anzulasten versuchen, das jetzt von den Kassen gezahlt wird. Dazu kommt der geplante Wegfall möglichst beider der noch verbliebenen Karenztage mit all den Folgen, die eine derart erleichterte Krankschreibung für die Arbeitgeber, aber auch für die Kassen mit sich bringt.