London, im Oktober

Düstere Stimmung herrscht in der zieratüberladenen Versammlungshalle zu Scarborough, einem ostenglischen Seebad, in der am Montag der jährliche Parteitag der Labour Party eröffnet worden ist. In der Tat vermochte Mitte dieser Woche kaum jemand abzusehen, ob die britischen Sozialisten diesen Parteitag als geschlossene Partei überleben würden.

Hintertreppen-Intrigen, Verbitterung, gegenseitige Beschuldigungen und Verdächtigungen in aller Öffentlichkeit bestimmten die ersten Tage des Treffens. Einige der Parteiführer hatten sich so zerstritten, daß sie kaum miteinander redeten. Vor der Eröffnung noch trat ein Mitglied! des Parteivorstandes demonstrativ zurück und erklärte den Reportern, kochend vor Wut, sie erlebten hier den Verzweiflungskampf einer Partei mit, die drauf und dran sei, Selbstmord zu begehen.

Wie kommt es, daß eine politische Partei, die noch vor einem Jahrzehnt unerschütterlich dem Glauben huldigte, es werde ihr eine ewige Regierungszeit beschieden sein, heute schmählich zerfällt? Wie kommt es, daß die Labour Party noch immer verzweifelt mit den Gespenstern der Vergangenheit ringt, wo sich doch die sozialistischen Parteien in anderen Ländern Europas – in Deutschland, Schweden, Österreich und Holland – einsichtig der neuen Zeit angepaßt haben?

Es ist ja keineswegs so, als klammerten sich die britischen Sozialisten blindlings an das Althergebrachte. Im Gegenteil, sie haben ihre Politik eben erst einer sorgfältigen Überprüfung unterzogen, nachdem sie bei den Wahlen im vergangenen Herbst vom Wohlstand des vergangenen Jahrzehnts überrundet und von den biegsameren, moderneren Konservativen aus dem Felde geschlagen worden waren. Und dabei haben sich die Parteiführer auch endlich über das altmodische Verstaatlichungsprogramm hinweggesetzt.

So ist es denn eine Tatsache, daß die Labour Party heute ein Konzept besitzt, das ebenso vorwärtsschauend und aufgeklärt ist wie das der sozialistischen Bruderparteien auf dem Kontinent. Im übrigen können sich die Labour-Führer bei ihren Anstrengungen auch auf einen sozialistischen Stimmblock verlassen, der noch immer so groß ist, daß schon ein verhältnismäßig geringer Umschwung bei den Wählern genügen würde, den Sozialisten zur Mehrheit im Unterhaus zu verhelfen. Ein Programm ist also da, auch die Wähler sind da; die Mehrheit der Parlamentsabgeordneten ist sich zudem einig über den Weg, den die Sozialisten künftig einschlagen müssen. Um so unerklärlicher muß es erscheinen, daß die Partei jetzt dicht vor der Katastrophe steht.

Der Grund dafür ist leicht zu finden: In den vergangenen Jahren hat sich das alte Bündnis zwischen Parlamentsfraktion und Gewerkschaften, das früher die Partei zusammenhielt, zusehends gelockert. In Attlees Tagen gab es ja kaum weniger Parteimitglieder, denen gemäßigte Ansichten zuwider waren, als heute, da Gaitskell zur Zielscheibe der Radikalen geworden ist. Auch damals wurden kritische Entschließungsanträge eingebracht, auch damals ließen sich die Pazifisten und Linksextremisten stets kräftig vernehmen. Doch Attlee brauchte nur den kleinen Finger zu krümmen, und schon stellten sich die mächtigen Gewerkschaften mit ihren massiven Stimmblöcken hinter den Parteiführer.