London, im Oktober

Die Filme, die sich jetzt über London, wie der in diesem Jahr anhaltende Regen, ergießen, führen zwar in die Versuchung, diese aus snobistischer oder intellektueller Höhe als Superfilmsyrup zu verdammen – aber ich muß gestehen, daß ich mich bei einigen recht gut unterhalten habe.

Da wäre zuerst das beliebte amerikanische Thema vom Zusammenprall der Neuen auf die Alte Welt in dem Film It Started in Naples ("Es begann in Neapel"). In den zwanziger Jahren hieß es, wenn ein guter Amerikaner stirbt, geht er nicht in den Himmel, sondern nach Paris! Seit dem weiland letzten Kriege wurde jedoch der Traumhimmel nach Italien verlegt. Daher die vielen allzu schwärmerischen Filme über Italien. Glücklicherweise wird in diesem Film Neapel nicht versüßlicht, sondern ironisch als lärmende, geldgierige Touristenfalle geschildert. Michael Hamilton (Clark Gable), ein würdiger Rechtsanwalt aus Philadelphia, kommt nach Neapel, um die Angelegenheiten seines dort verstorbenen Bruders zu erledigen.

In Capri allerdings erwartet ihn ein Schock, denn der Anwalt seines Bruders (de Sica) eröffnet ihm, daß seines Bruders Nachlaß ausschließlich aus einem achtjährigen Bambino besteht. Der Familienzuwachs wird von seiner Tante Lucia (Sophia Loren) in neapolitanischer Weise betreut.

Nun ist es klar, daß Hamilton als sauberer Amerikaner sich das nicht lange ansehen kann. Er versucht, seinen neuen Neffen aus dem moralischen Sumpf zu ziehen, um ihm die Vorteile einer amerikanischen Erziehung angedeihen zu lassen. Allerdings gelingt das nicht so leicht. Lucia protestiert energisch. Hamilton muß ihr den Kampf ansagen. Aber keine Angst, der besteht zum größten Teil aus recht unterhaltsamen Ausflügen nach Anacapri und per Boot zur blauen Grotte nebst anderen Sehenswürdigkeiten.

Am sehenswertesten ist jedoch Tante Lucia selbst, die singend, kreischend, Beleidigungen ausstoßend, durch den Film tanzt, mit einem Lächeln, das so breit ist wie ihre Hüften.

Kein tief schürfender Film, aber strotzend voll Leben. Sophia Loren greift hier, von dem Regisseur Melville Shavelson energisch und zielbewußt geführt, nach den Lorbeeren der Anna Magnani. Clark Gable hat die Gabe, sich über seinen eigenen Sex-Appeal lustig zu machen.