Paris geht mit der Diskontsenkung voran

J. K., Paris, im Oktober

Der französische Diskontsatz ist in der vergangenen Woche von 4 vH auf 3,5 vH herabgesetzt worden. Anlaß zu dieser Maßnahme bot die weiterhin recht ruhige Konjunkturentwicklung in Frankreich, die nun schon seit Jahresbeginn und in ziemlich krassem Gegensatz zur Entwicklung in den Nachbarstaaten – besonders in der Bundesrepublik, Italien und Holland – steht. Durch Kreditverbilligung soll die private Investitionstätigkeit angeregt und damit der Motor der Aktivität wieder auf höhere Touren gebracht werden.

Wahrscheinlich befürchtet man in Paris auch, daß die Recession der amerikanischen. Wirtschaft sich in den nächsten Monaten noch verstärken und auch auf die europäische Prosperität einen Druck ausüben könnte. Einen solchen, zusätzlichen Dämpfer kann die französische Wirtschaft gegenwärtig gewiß entbehren. Da die Preise relaiv stabil sind, konnte die Notenbankleitung eine losierte Konjunkturspritze (die unter den gegenwärtigen Umständen keine Gefahr für die Aufechterhaltung der inneren Finanzstabilität mit ich bringt) durchaus riskieren. Die Diskontsenkung wurde außerdem durch eine Lockerung der Abzahlungskredit-Regelung für langlebige Güter wie Automobile und Haushaltartikel ergänzt. Die Laufzeit der Kredite ist um je drei Monate auf 24 Monate für Automobile und auf 21 Monate für Haushaltartikel erhöht worden.

Währungspolitische Risiken dürften mit der Diskontsenkung trotz des Unterschieds, der gegenwärtig zum Londoner (6 vH) und Frankfurter Diskontsatz (5 vH) besteht, ebenfalls nicht einher-;ehen. Das seit Monaten bestehende ausgeprägte Zinsgefälle hat bisher; keine nennenswerte Kapitalabwanderung nach dem Ausland verursacht. Die französischen Währungsreserven sind seit Jahresbeginn ständig gestiegen und erreichten Ende September über 2,1 Mrd. Dollar. Außerdem ist man in Paris überzeugt, daß Frankfurt und London in absehbarer Zeit den Diskont ebenfalls senken werden. Es ist wahrscheinlich, daß dieser von Paris eingeleitete Prozeß unlängst in Washington von den direkt interessierten Notenbankleitern vereinbart worden ist. Dazu gehören selbstverständlich auch die amerikanischen Kreditbehörden, für die eine Herabsetzung der europäischen Zinssätze zur Vermeidung weiterer amerikanischer Goldabflüsse erwünscht sein muß.

Der nationale Kreditrat hat dennoch auch für eine Notbremse gegen die Inflation gesorgt, indem er die Einführung eines den französischen Verhältnissen angepaßten Pflichtreservesystems für die Banken "coefficient de trésorerie" (Liquiditätskoeffizient) genannt – gutgeheißen hat. Es sieht vor, daß die Banken einen bestimmten Proentsatz ihrer Kundeneinlagen sofort mobilisierbar halten müssen. Das französische System unterscheidet sich von dem in der Bundesrepublik geltenden Pflichtreservensystem also dadurch, daß die zinslose Sterilisierung eines Teils der Bankliquidität bei der Notenbank vermieden wird. Seine Wirksamkeit im "Notfall" müßte sich allerdings erst noch erweisen.