Robert Neumann: "Zur Kritik der Kritik", ZEIT Nr. 39

Daß nichts einem Autor wünschenswerter sein kann, seinem Buch zum Bestseller zu verhelfen, als ein ordentlicher Verriß, wie Robert Neumann darlegt, beweist die geschickte Ausnutzung publizistischer Organe. Es ist interessant, dieser Tatsache eine Meinung Friedrich Nicolais gegenüberzustellen. Er schreibt in den von ihm herausgegebenen "Briefen die neueste Literatur betreffend" am 27. März 1760:

"Nichts gleichet dem Zorne eines schlechten Schriftstellers, den der Finger der Kritik gerühret hat. Er erhitzt sich, er schnaufet, die Zunge klebt ihm am Gaumen, die Haare stehen ihm zu Berge, er kennet sich selbst nicht mehr, er fähret auf und schreyet gewaltig ... Es ist nicht genug, daß ein rascher Kritiker den Stolz eines armen Schriftstellers demüthiget und ihn bey der Welt in den Verdacht bringt, daß es mit seiner Gelehrsamkeit und mit seinem Schriftstellen schlecht bestellt sey, sondern der gute Autor wird noch dazu von jedermann ausgelacht, wann man die Verlegenheit merkt, worin er sich befindet, die sich durch die blinde Hitze, mit der er sich vertheidiget, nur allzusehr entdecket, zumal, wann er selbst unter seinem Poltern und Toben hin und wieder die Fehler deutlich merken läßt, wegen welcher er sich vertheidigen will."

Wie sehr haben sich die Zeiten verändert! Geblieben in seiner Gültigkeit ist, aber, was Friedrich Nicolai über "recensirendeJournale" zu sagen hat, nachzulesen in der neuen Folge der von ihm ebenfalls herausgegebenen Allgemeinen Bibliothek", 1801:

"Gelehrte Zeitungen und recensirende Journale sind bekanntlich in Deutschland, wo die Literatur in mehrere hundert Städte zertheilt ist, und nicht wie in England und Frankreich von einer Hauptstadt abhängt, sehr viel nothwendiger als in anderen Ländern, und sie haben auch einen viel größeren Einfluß; denn ohne sie würde man Urtheile über neue Bücher spät oder gar nicht allgemein erfahren."

Hans Joachim Lennert, Rüsselsheim

Zum Schluß wollen wir auch nicht faul sein, man kann die Sache auch auf den Nenner Tucholskys bringen, und so zitieren wir fleißig (aus der Erinnerung); "Nichts ist schlimmer, als wenn ein Literat einen Literaten einen Literaten nennt." DIE ZEIT