London, im Oktober

Nach Ermittlungen des Wirtschaftswissenschaftlichen Institutes der Universität Cambridge befindet sich das Aktienkapital aller an den britischen Börsen notierten Unternehmen zur Hälfte in privaten Händen. Eine kürzlich im News Chronicle veröffentlichte Gallup-Umfrage ergab, daß von hundert britischen Erwachsenen nicht weniger als neun Aktien besitzen – d. h. also 3,1 Millionen Engländer. Seit längerem fällt dabei auf, daß sich die Frauen zunehmend in die Anlage-Tätigkeit einschalten.

Wenn in der jüngsten Hauptversammlung von Pye Ltd. die Frauen eindeutig das äußere Bild dominierten, dann mag es noch nicht allzuviel besagen. Und zweifellos ist die hiesige Situation noch nicht der amerikanischen vergleichbar: in den USA (wo die Männer zur angemessenen Versorgung ihrer Ehehälften und Familien angeblich so hart arbeiten müssen, daß sie in ein frühes Grab sinken) haben Frauen, weitgehend "dank" diesem simplen Prozeß des "live and let die", bereits mehr als die Hälfte allen Aktienkapitals heimischer Gesellschaften an sich gerissen.

Immerhin sind unter den Aktionären beispielsweise der Midland Bank oder von Thomas Tilling Ltd. die Frauen schon klar in der Mehrzahl Ihr Anteil am Stammkapital von Borax (Holdings) Ltd. beziffert sich nach sorgfältiger Analyse auf 20 vH, am Vorzugs- und am Obligationskapital auf 25,5 vH. Daher hat sich Lord Ritchie of Dundee, Präsident der Londoner Börse, auf einer kürzlichen Pressekonferenz mit seinen Anlage-Ratschlägen insbesondere auch an die Frauen gewandt: sie alle sollten einige Titel jener Unternehmen erwerben, welche die von ihnen beim Einkaufen bevorzugten Dinge herstellen – was in gewisser Weise nichts anderes als eine Anwendung des Genossenschaftsprinzips sei. Prompt kommt jetzt eine hiesige Investment-Zeitschrift, der Investors Chronicle, mit einer "Frauen-Seite" heraus, redaktionell als Brief aufgemacht, in dem eine Frau ihren anlage-lustigen Freundinnen das notwendige know-how vermittelt.

Das Pendel wird zwar in England langsamer schwingen als in USA – allein schon deshalb, weil britische Ehemänner eher als amerikanische darauf bedacht sind, "sich nicht in einen frühen Tod zu arbeiten". Wie die Stock Exchange Gazette einigermaßen resigniert zu bedenken gibt, droht aber auch hierzulande im Investment-Bereich ein unausweichliches Gesetz zur schließlichen Vorherrschaft der Frau zu führen. Wenn man ehrlich sei, werde man zugeben müssen, daß das Investieren kaum zu jenen seltenen Angelegenheiten zählt, in denen Frauen sich nicht ebenso gut wie Männer bewähren könnten. Die oft irrationalen Kursbewegungen könnten sich nach dieser Quelle sogar vielleicht noch besser von weiblicher Intuition als von männlicher Logik vorteilhaft nutzen lassen.

Die Frauen haben heutzutage in England meist mehr Freizeit als die Männer und sind daher stets auf der Suche nach neuen Ventilen für ihre spezifische Begabung. Ferner sind sie von Natur aus neugierig und immer darauf aus, bis ins letzte Detail zu erfahren, was die Männer treiben. Und drittens tragen sie, sofern sie berufstätig sind, einen Teil zum Familieneinkommen bei. Die Unternehmens-Vorstände sind deshalb gut beraten, wenn sie sich schon jetzt mit der Tatsache vertraut machen, daß schon in wenigen Jahren jene wenigen und unterwürfigen Männer, die alljährlich zur Hauptversammlung erscheinen, einer Phalanx wißbegieriger Frauen das Feld geräumt haben werden. Falls die Unternehmensdirektoren sich dann nicht einer auffälligen männlichen Schönheit erfreuen sollten, dürften sie kaum noch mit einigen lässigen Platitüden zur letztjährigen Geschäftsentwicklung und mit frommen Hoffnungsbekundungen bezüglich der Zukunft davonkommen. Robert Niehaus