Von Gottfried Sello

Kein neues van-Gogh-Buch ist anzuzeigen, keines dieser viel zu vielen, manchmal gut gemeinten und meistens schrecklichen Lebensbilder oder Romane (die dann auch noch bunt verfilmt wurden), sondern der älteste und einzig authentische Lebensbericht: Vincents Briefe an seinen Bruder Theo. Sie sind seit langem, wenigstens in deutscher Sprache, unerreichbar: Sie sind vergriffen. Die letzte deutsche Ausgabe war 1928 bei Paul Cassirer erschienen, in drei Bänden.

Jetzt haben wir endlich eine sehr schöne, sehr brauchbare neue Ausgabe in zwei Bänden. Sie stützt sich auf die große holländische Originalausgabe der gesammelten Briefe, erschienen 1952–1954 in der Wereldbibliothek Amsterdam-Antwerpen‚ die als die endgültige und absolut zuverlässige Ausgabe gelten darf.

Die Briefe wurden neu übersetzt, aus drei Sprachen – van Gogh hat anfangs holländisch, gelegentlich englisch und später französisch geschrieben. Die Übersetzerin Eva Schumann trifft den sehr eigentümlichen Ton der Briefe, das ganz Ungezwungene, das Sprunghafte, die krassen Wendungen. Fritz Erpel gibt erfreulich knappe Anmerkungen und immer nur dann, wenn es wirklich nötig ist. Man fragt sich aber, ob das Buch so heißen muß, wie es heißt, nämlich:

"Als Mensch unter Menschen", Vincent van Gogh in seinen Briefen an den Bruder Theo; Albert Langen/Georg Müller Verlag, München; zwei Bände mit 443 und 548 S., 36,– DM.

Man könnte bei diesem Titel an eine Christus-Biographie, aus materialistischer oder atheistischer Sicht, denken. Soll damit gesagt werden, daß Künstler, daß Genies auch nur Menschen sind – oder gerade umgekehrt, daß sie höhere Wesen darstellen, die sich unter Menschen als Menschen tarnen? Möglicherweise hat die Werbeabteilung den Slogan "Als Mensch unter Menschen" für zugkräftig gehalten. Dagegen war ja der Titel "Sonne ohne Gnade" für ein van-Gogh-Buch, das im englischen Urtext einfach "Portrait of Vincence" hieß, geradezu ein Geistesblitz an suggestiver Werbekraft. Jedenfalls stammt dieser Titel von dem Ostberliner Henschel-Verlag, dem wir die neue Ausgabe der Briefe verdanken, und der westdeutsche Lizenzverleger wird ihn, hoffentlich zähneknirschend, übernommen haben. Auch das Vorwort, von Erika Zeise, liest sich nicht angenehm. Ein "sensibles Gespür für das Leben in der Natur" ist als Charakterisierung van Goghs eine Zumutung, und nicht die einzige.

Man kann die Briefe, und zwar mit außerordentlichem Gewinn, als Kommentar zum Werk lesen. Vincent äußert sich sehr ausführlich über die meisten seiner Bilder und Zeichnungen. 86 Reproduktionen sind in das Buch hineingeklebt, so daß man Text und Werk bequem vergleichen kann. Van Gogh ist kein Theoretiker oder gar Kunstprogrammatiker und auch kein exzellenter Briefschreiber, der seine Sätze feilt und sich über die Person des Adressaten an die Mitwelt oder die Nachwelt wendet. In keinem Augenblick wäre ihm der Gedanke gekommen, seine Briefe könnten einmal veröffentlicht werden. Sie sind ein intimes Tagebuch, innerer Monolog; Theo ist ein alter ego, ein Teil seiner selbst, und vor sich selbst hat man kein Geheimnis.