Ein Amerikaner, ein Photograph der Zeitschrift LIFE, David Douglas Duncan, hat den ersten umfassenden Farbbericht innerhalb des Kremls aufgenommen. In drei Jahren hat er dafür fünf Reisen nach Moskau machen müssen. Der jetzt auch in deutscher Sprache vorliegende Bildband "Der Kreml, seine Schätze und seine Geschichte" enthält nach den eigenen Angaben des Photographen "nur einen Bruchteil der wahrhaft einzigartigen, ganz und gar unvorstellbaren Kremlschätze". Duncan hat viel erreicht, frisch und unbekümmert ist er an seine Arbeit gegangen, selbst Chruschtschow hat er eingespannt, und in der Einleitung erzählt er einfach und sympathisch, wie es dazu kam. Aber dann muß ihn, der auch für den Text der Erklärungen und die "künstlerische Gestaltung" verantwortlich zeichnet, Ehrfurcht übermannt haben, nicht nur vor den angehäuften Kostbarkeiten im Kreml, sondern auch vor seinem eigenen Vorhaben. So hat sich Pathos eingeschlichen. In Riesenlettern. Das Buch ist so prächtig ausgestattet und aufgemacht worden, daß es wohl in jeden Repräsentationsbücherschrank paßt, aber diese Aufmachung übertrumpft fast den Inhalt. Es wirkt wie ein aus verblüffenden und verwirrenden Details zusammengesetztes Filmband, das eine sehr laute Begleitmusik erhalten hat. Der Film bringt wenig Gesichter. Nur das düstere Porträt eines einzigen Zaren ist dabei, das Iwans des Schrecklichen. Die einzelnen Photos, viele faszinierende darunter, zeigen die von den Zaren in mehr als 800 Jahren mit unfaßbarer orientalischer Prachtliebe angehäuften, von Perlen und Edelsteinen strotzenden Wertgegenstände hinter den Kremlmauern. Dort regieren heute neue Machthaber, die zwar die alten Gewaltherrscher verdammen, aber die Kultur, die sie zum Blühen brachten, in Museen sorgfältig konservieren. EM

Das Buch "Der Kreml" von David Douglas Duncan ist im Econ Verlag erschienen, enthält auf 180 Seiten in Großformat 82 farbige Abbildungen und kostet 128 Mark