b. k., Berlin, im Oktober

Weil er den "Einflüssen, die ihn zur Tat drängten, willensmäßig nicht widerstehen" konnte, ist es dem siebzehnjährigen Reichsbahnarbeiter Lothar Kubert aus Falkensee bei Berlin erspart geblieben, daß er sich vor einem Westberliner Gericht wegen zweifacher Verschleppung und schwerer Freiheitsberaubung verantworten mußte. Am Dienstag der vergangenen Woche verließ er in Begleitung seines Anwalts, des SED-Starjuristen Professor Dr. Kaul, das Untersuchungsgefängnis in Moabit.

In den Morgenstunden des 21. Juni hatte Kubert auf dem zu Westberlin gehörenden Teil des S-Bahnhofs Staaken zwei junge Männer, die er unschwer als "Republikflüchtlinge" erkannte, als sie ihn um eine Auskunft baten, in einem Geräteschuppen eingeschlossen und einen Volkspolizeiposten alarmiert, der die beiden in die Sowjetzone abtransportierte. Sechs Tage später wurde der Lampenwärter Kubert auf einem dienstlichen Gang zwischen dem Bahnhof Staaken und dem Stellwerk von Westberliner Polizisten verhaftet. Die zuständigen Behörden hatten einen Hinweis auf Kubert bekommen. Der Haftbefehl wegen Beihilfe zum Menschenraub war schnell ausgefertigt.

Die Westberliner Polizei, die eine politischpropagandistische Rarität zu besitzen wähnte, führte den Delinquenten wenige Stunden nach seiner Verhaftung dem Fernsehpublikum vor. Indessen war der Eindruck, den Lampenwärter Kubert auf dem Fernsehschirm machte, der eines Burschen von unterdurchschnittlicher Intelligenz. Wie richtig dieser Eindruck war, zeigten dann auch zwei psychiatrische Gutachten, die im Auftrag der mit dem Fall befaßten Großen Strafkammer ausgearbeitet worden waren. Und weil nach § 3 des Jugendgerichtsgesetzes ein Jugendlicher nur dann strafrechtlich verantwortlich ist, wenn er zur Zeit der Tat nach seiner geistigen und sittlichen Entwicklung reif genug war, das Unrecht der Tat einzusehen und nach dieser Einsicht zu handeln, stellte das Gericht das Verfahren gegen den Siebzehnjährigen ein.

Allerdings kann der Verdacht, der Schwachsinn des Lothar Kubert sei den Juristen sehr gelegen gekommen, kaum entkräftet werden. Es wäre ein sehr schwieriger Prozeß geworden, bei dem das Gericht wahrscheinlich schon Mühe gehabt hätte, seine Zuständigkeit zu beweisen. Denn Kubert ist Bürger der Sowjetzone, die beiden jungen Männer (nach der Darstellung der Sowjetzonen-Presse Vorbestrafte und "arbeitsscheue Elemente") waren es im Augenblick der Festnahme ebenfalls. Ort der Handlung war das Reichsbahngelände, bei dem es – Behauptung steht gegen Behauptung – noch immer nicht staatsrechtlich einwandfrei und verbindlich geklärt wurde, ob es, wie die Sowjetzonenbehörden behaupten, "Hoheitsgebiet der DDR" ist. Beim Bahnhofsgelände Staaken, das durch die Zonengrenze geteilt wird, ist das Problem besonders schwierig.

Triumphierend kommentierte das "Neue Deutschland" nun: "Aus dem Plan wurde nichts, weil die Verdrehung der Tatsachen und des Rechts selbst für Frontstadtverhältnisse der Öffentlichkeit nicht zumutbar war."

Die Akte Kubert ist geschlossen, falls nicht noch Antrag auf Haftentschädigung gestellt wird. Leider wird jedoch ungeklärt bleiben, ob das, was der mit mittlerem Schwachsinn ausgestattete jugendliche Eisenbahner getan hat, nach Meinung der Westberliner Justiz nun den Tatbestand der Verschleppung und der Freiheitsberaubung erfüllt oder nicht.