Ein Anfang ist gemacht: Die Mitglieder des Haushalts- und des Verkehrsausschusses des Bundestages haben die Absicht kundgetan, der Lufthansa das Fundament zu geben, das sie braucht, um konkurrenzfähig zu werden.

Der Anteil der Bundesrepublik am Weltluftverkehr beträgt 2 Prozent gegenüber einem Anteil am Welthandel in Höhe von mehr als 9 Prozent. Während der nächsten Jahre sind Investitionen in der Größenordnung von fast 700 Mill. DM erforderlich, von denen der Bund etwa ein Drittel zu übernehmen bereit ist. Diese Summe entspricht etwas weniger als acht Prozent der alljährlichen Ausgaben der Bundesrepublik für ihre Verteidigungsbereitschaft.

Die erwähnte Relation von Außenhandel und Luftverkehr könnte zum Schluß verleiten, daß die Kapazität der Lufthansa vervierfacht werden müßte. Aber der Schluß wäre absurd. Wer weiß, wie die Wirtschafts- und Verkehrsstruktur der Erde in vier oder fünf Jahren aussehen wird! Auch jene seltsamerweise immer wieder von der Lufthansa bekanntgegebenen (und noch nie eingehaltenen) Prognosen über die Zeit, die bis zur Erzielung einer ausgeglichenen Bilanz verstreichen wird, sollten unterlassen werden, bis tatsächlich – ohne ausgeklügelte Operationen wie den "Verkauf" von Flugzeugen an die Lufthansa-Tochter Deutsche Flugdienst GmbH – ein Bilanzbild entstanden ist, das sich sehen lassen kann.

Wie schädlich sich ein verkrampfter Optimismus schließlich auch auf den guten Ruf der Unternehmensführung auswirken kann, zeigt das Ergebnis der bisherigen Air-Union-Verhandlungen. Die Lufthansa hat der "Air Union" reiche Vorschußlorbeeren gespendet. Auch hier gab es keinen Termin, der eingehalten wurde; und auch hier muß jetzt kleinlaut zugegeben werden, daß die Verhandlungen viel schwieriger sind als vorausgesehen. Es ist noch keineswegs abzusehen, wann die Koordination der Gesellschaften Air France, Alitalia, Sabena und Lufthansa erfolgen wird.

Angesichts der großen Aufgaben, denen sich die Lufthansa gegenübergestellt sieht, täte etwas mehr Realismus, etwas weniger Wunschdenken und etwas mehr Courage gegenüber dem Hauptaktionär not. Die Empfehlung eines Mitglieds des Haushaltsausschusses an Minister Seebohm, persönlich zum Finanzminister zu gehen, wenn er "Geld" brauche – und nicht einen Subalternbeamten zu schicken – konnte während der ersten fünf Aufbaujahre der Lufthansa auch gegenüber dem Vorstand des Unternehmens angewandt werden. Mit der Aufstellung eines "Planes" allein war und ist es nicht getan. Es kommt darauf an, wie er verwirklicht werden kann. Dazu sind Entscheidungen notwendig, die nicht auf die lange Bank geschoben werden dürfen. Gleichgültig, ob es nun um die Kapazitätserweiterung oder Flottenerneuerung, um reine Frachtflugzeuge oder um die längst überfällige örtliche Zusammenlegung der Hauptverwaltung mit dem Zentrum der Flugbetriebsabwicklung geht. Ein Aufsichtsrat, in den von der Bundesregierung weniger Beamte und mehr Persönlichkeiten der Wirtschaft delegiert werden müßten, sollte verantwortungsfreudig hinter den Vorschlägen des Vorstandes stehen.

Kurt W. Streit