Am 1. Januar 1960 ist Kamerun unabhängig geworden. Auch über diesem neuen Staat, der nun auf friedlichem Wege die volle Souveränität erlangt hat (1895 deutsche Kolonie, 1919 französisches Mandatsgebiet, seit 1946 Treuhandgebiet) schweben Gewitterwolken. Die Union progressiste camerounaise stiftet politische Unruhe. Das Jahr 1959 – die letzte Etappe auf dem Wege Kameruns zur Souveränität – war zudem auch wirtschaftlich enttäuschend. Die Kakao- und Bananenerzeugung ging zurück, die Kaffeeernte nahm nur geringfügig zu.

Seit der Wahl der gesetzgebenden Versammlung im April hat sich die Lage etwas stabilisiert. Die Neuwahlen brachten der alten Regierung unter dem Vorsitz Ahidjos einen beachtlichen Erfolg. Die wichtigste Aufgabe der neuen Regierung besteht darin, im Lande den Frieden wiederherzustellen. Der neue Ministerpräsident hat auch versichert, Kamerun habe nicht die Absicht, seine wirtschaftlichen Bindungen zu zerstören.

Was die Beziehungen zum Gemeinsamen Markt betrifft, so hat Kamerun gleichzeitig mit Togo einen offiziellen "Assoziierungs-Antrag" bei der Kommission der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft eingereicht. Besprechungen über die Einzelheiten der Assoziierung sind im Gange. EWG-Kommissar Lemaignen, der für die Beziehungen zu den assoziierten Staaten zuständig ist, teilte Ende Juni in Straßburg mit, die EWG-Kommission sei einmütig der Ansicht, daß die assoziierten afrikanischen Länder, die seit der Unterzeichnung der Römer Verträge die Unabhängigkeit erlangt haben, die Möglichkeit hätten, die Assoziierung mit der Gemeinschaft der "Sechs" aufrechtzuerhalten, wenn sie dies wünschen.

Die finanzielle Unterstützung Kameruns durch den Überseeischen Entwicklungsfonds beläuft sich auf 10 Millionen Dollar für genehmigte und "genehmigungsfähige" soziale und wirtschaftliche Vorhaben.

Der offensichtlich vorhandene gute Wille der neuen Führer Kameruns würde nicht ausreichen, wenn er sich nicht auf eine öffentliche Meinung stützen könnte, die über Umfang und Dringlichkeit der anstehenden Probleme gut unterrichtet ist. Die EWG-Kommission bemüht sich daher nicht nur um finanzielle Unterstützung, sondern in erster Linie auch um die Ausbildung von Führungskräften, ohne die die Entwicklung Kameruns und anderer afrikanischer Länder in Frage gestellt wäre.

Die Entwicklung in Afrika wirft jedoch neue, insbesondere rechtliche Probleme für die EWG auf: Ende 1962, d.h. nach Ablauf der Konvention über die Assoziierung der überseeischen Länder und Gebiete mit der Gemeinschaft, werden die Beziehungen der EWG zu Afrika sich so sehr verändert haben, daß eine Revision der Verträge wahrscheinlich unumgänglich sein wird. H.R.