Noch ist im amerikanischen Wahlkampf, dessen letzte und entscheidende Phase jetzt anhebt, keine geheimnisvoll prophezeiende Schrift an der Wand zu erkennen; noch hat keiner der beiden Kandidaten einen sichtbaren Vorteil über den anderen errungen. Immer noch – vier Wochen vor dem Wahltag – liegen Nixon und Kennedy Kopf an Kopf im Rennen. Die Auguren halten die Luft an: sie stochern wohl analytisch in den Eingeweiden der Gallup-Umfragen, doch eine Prophezeiung wagen sie nicht.

Es kann sie keiner darob schelten. Denn ein Viertel der rund hundert Millionen Wähler hat sich bisher auf keinen der beiden Kandidaten festgelegt. Dieser Block der Unentschiedenen aber wird bestimmen, wohin am 8. November der Würfel fällt – auf die demokratische Seite Kennedys oder auf die republikanische des Vizepräsidenten Nixon. Und um diesen Block der Unentschiedenen wird es in der Endrunde des Wahlfeldzuges vor allem gehen.

Seinetwegen auch hat die Kampagne in den letzten Tagen an Tempo und Temperament gewonnen. Die zweite Fernsehdebatte zwischen den Präsidentschaftsbewerbern ließ am Freitag voriger Woche über die Maßen deutlich werden, daß die Rivalen jene Samthandschuhe abgelegt haben, mit denen sie einander bisher anfaßten. Kennedy und Nixon kämpfen jetzt: zwar fair und ohne Ruppigkeit, aber außerordentlich hart. "Von nun an machen wir ihnen die Hölle heiß", sagte Vizepräsident Nixon. Und Senator Kennedy bleibt ihm dabei nichts schuldig.

Es ist höchste Zeit. Es ist Zeit, daß nun Funken sprühen. Bisher war der Wahlkampf im riesigen Lande zwischen Atlantik und Pazifik eine recht lahme, eine Schablonen-Angelegenheit, Feuer ohne Glut, eine Auseinandersetzung, in der die großen Streit- und Lebensfragen der amerikanischen Nation unter einem Wust lokaler Problemchen und unverbindlicher Rhetorik begraben zu werden drohten. Und bisweilen, zumal bei der ersten Fernsehdebatte der beiden Kontrahenten, hatte es den furchtbaren Anschein, als sei der Wahlkampf drauf und dran, in eine bessere Art von Schönheitswettbewerb auszuarten – in einen Wettstreit der Kosmetiker statt der Politiker: Wer hat den besseren Maskenbildner geheuert, um dem Volk ein zugkräftiges "Bildnis" seiner selbst einzuprägen?

In der zweiten Debatte vor der TV-Kamera allerdings war das anders. Auch da gab es zwar vorher Gezänk wegen der Beleuchtung, und Kennedy beklagte sich über die Eiseskälte im Studio – eine republikanisch induzierte Kälte, die dem ewig transpirierenden Nixon die Schweißtropfen stoppen sollte. Aber dann kam doch eine Debatte zustande, in der nicht die Masken, sondern die Männer zählten. Wie viele Deutsche, die das Frage- und Antwortspiel am Dienstagabend vor ihren Bildschirmen miterleben konnten, mögen sich gefragt haben: Wäre eine so stilvolle, quicke politische Diskussion auch zwischen deutschen Politikern möglich?

Die Themen bei diesem zweiten TV-Recontre reichten von der Wirtschaftspolitik bis zur Verteidigung Quemoys, von der Gipfeldiplomatie bis zur Sozialversorgung. Die unterschiedliche Taktik der Kandidaten wurde dabei in aller Schärfe enthüllt. Wo Nixon die Errungenschaften der acht Eisenhower-Jahre verteidigte und durchblicken ließ, nur auf diesem Fundament könne weitergebaut werden, präsentierte sich Kennedy als Advokat des Wandels. Wo der Republikaner Stolz über das Erreichte ausdrückte, zeigte der Demokrat seine Unzufriedenheit mit dem Status quo, dessen Mängel er anprangerte.

Es spiegelte sich darin freilich nicht nur die verschiedene Taktik der beiden Männer, sondern auch ihre abweichende politische Optik wider. "Unsere Macht und unser Prestige haben in den letzten acht Jahren abgenommen", griff Kennedy an. Nixon hielt ihm unbeirrt entgegen: "Das kommunistische Prestige in der Welt ist auf einem absoluten Nullpunkt angelangt, das amerikanische Prestige dagegen an einem absoluten Höhepunkt."