Von Marion Gräfin Dönhoff

Mit einer knappen Mehrheit haben sich die Wähler der Südafrikanischen Union letzte Woche für die Loslösung ihres Landes von der englischen Krone und für die Errichtung einer Republik entschieden. Marion Gräfin Dönhoff ist zu der Volksabstimmung nach Südafrika gereist. Sie schildert hier, worum es in Wahrheit ging: um den alten Gegensatz zwischen Buren und Briten.

Kapstadt im Oktober

Es gab nur ein Thema in diesen Tagen in Südafrika: the racial problem, das Rassenproblem. Schon wenige Stunden nach der Ankunft in Kapstadt war mir dies klar. Etwas länger brauchte ich freilich, um zu verstehen, daß mit dem Rassenproblem nicht der Konflikt zwischen Schwarz und Weiß gemeint ist, sondern das Verhältnis zwischen den Buren und den Engländern in der Südafrikanischen Union. Es scheint in der Tat die letzte Schlacht des Burenkrieges zu sein, die da soeben geschlagen wurde – 50 Jahre nach Gründung der Union und 58 Jahre, nachdem die Engländer 1902 die Buren des Oranje-Freistaates und der Transvaal-Republiken auf dem Schlachtfeld besiegt hatten.

Man muß sich die Geschichte dieses Landes, in der Blut und Tränen und die Rivalität zweier stolzer, die Weltmeere befahrender europäischer Nationen eine so große Rolle gespielt haben, vor Augen halten, um zu verstehen, warum dort auch heute noch, im Jahre 1960, die Fehden der Väter wichtiger erscheinen als die Probleme der heutigen Generation.

Es steht ja zwischen den beiden Volksgruppen nicht nur der Burenkrieg mit den oft beschworenen Konzentrationslagern, in denen die Briten die Buren vegetieren ließen; der Antagonismus reicht viel weiter zurück. Vor 300 Jahren waren die ersten Holländer – zunächst Schiffbrüchige – und dann Deutsche und Hugenotten im Kapland gelandet und hatten begonnen, sich dort anzusiedeln; 1687 waren es etwa 600. Ein Jahrhundert später, zur Zeit der Französischen Revolution, kam es zu den ersten schweren Kämpfen zwischen den Europäern und den von Norden vordringenden Bantu-Stämmen. Viele Siedlungen wurden damals verwüstet, Kolonisten getötet, das Land an den Rand des Ruins gebracht.

Just in diesem Moment erschien ein britisches Geschwader vor der Küste und besetzte nach kurzem Kampf das Kapland. Von 1797 an wurde das Gebiet als britische Kronkolonie verwaltet, allerdings sprach es der Friede von Amiens wieder den Holländern zu. Aber wenige Jahre später – 1806 nach dem Wiederausbrechen des englischfranzösischen Krieges – tauchte die englische Flotte abermals vor Kapstadt auf und landete ein gewaltiges Truppenkontingent: 7000 englische Soldaten in einem, Lande, das dazumal von 25 000 Weißen bewohnt war. Endgültig wurde jetzt die Kapkolonie dem britischen Reich einverleibt. Ein paar tausend Engländer wurden angesiedelt, und 1828 wurde Englisch zur offiziellen Landessprache erhoben, obgleich nur etwa 15 Prozent aller Bewohner britisch waren.