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Was erst Gerücht war, wurde nun Wirklichkeit: Die Bürger der kleinen Stadt Brohl am Rhein (2300 Einwohner) haben eine neue Partei. Außer der CDU, der SPD und der FDP gibt es jetzt noch den VfL 1892, den Verein für Leibesübungen von 1892. Zwar steht er nicht unter diesem Namen auf den Wahlzetteln für die Gemeinderatswahl, die in Rheinland-Pfalz am 23. Oktober 1960 stattfindet. Auf dem Zettel steht schlicht: Wählergruppe Hartmann.

Von Kandidat Hans Hartmann, dem ehemaligen Direktor der Brohltal-Eisenbahn, ging auch die Initiative aus. Er ist im Vorstand des VfL 1892, dessen mehr als 300 Mitgliedern Anfang September Einladungen zu einer außerordentlichen Mitgliederversammlung zugingen. Auf dieser Versammlung wurde von 21 Anwesenden mit 19 Ja-Stimmen und 2 Nein-Stimmen die Kandidatur der Wählergruppe Hartmann beschlossen, da die bisherigen Parteien so wenig für den Sport getan hätten. Auch der Hinweis des örtlichen CDU-Leiters, des Lehrers Alfred Neuhaus, daß es in der CDU-Liste zwei aktive und vier inaktive Sportler des VfL 1892 gebe, hatte keinen Erfolg.

Hartmann: "Man muß zugeben, daß einiges für den Sport getan worden ist. Aber es muß mehr getan werden."

So überlegen jetzt die Politiker des Ortes, was man überhaupt noch mehr für den Sport als bisher tun könne. Rund 7000 Mark hat der kleine Ort im letzten Jahr für Sportzwecke ausgegeben, 400 Mark zahlt er jährlich an Sportplatzmiete. Außer dem Sportplatz gibt es im Jugendheim 160 Quadratmeter Turn- und Gymnastikräume.

Da nun inzwischen den meisten Brohlern klar ist, daß sie auch mit einem Hartmann-Ortsparlament kein Stadion bekommen werden, ist der Initiator auf die große Politik umgeschwenkt: "Es wird große Umwälzungen in Brohl geben. Die Bundesstraße 9 wird verlegt. Das verändert die ganze Struktur. Und dann kommt die 40-Stunden-Woche mit Riesenschritten auf uns zu. Die Jugend muß von der Straße. Ich will nicht sagen, daß der bisherige Gemeinderat nichts getan hat. Aber wir müssen mehr Initiative entwickeln ..."

Nun machen sich die Brohler Gedanken darüber, was denn werden soll, wenn bei der übernächsten Wahl auch noch die Kaninchenzüchter, die Kegler oder die Angler eine eigene Liste aufstellen.