S. D., Paris, Mitte Oktober

Es heißt in Paris, daß sich Premierminister Michel Debré in Bonn wacker geschlagen habe. Er habe nichts versprochen und nichts verdorben. Es sei ihm sogar gelungen, sich mit dem alten Mann am Rhein zum erstenmal ein wenig anzufreunden. Übriggeblieben seien "lediglich" die Differenzen über die Grundlinien französischer und deutscher Außenpolitik...

Angesichts der finsteren Wolken, die sich seit der enttäuschenden Pressekonferenz de Gaulles vom 5. September zusammenbrauen, ist das freundschaftlich formulierte Kommuniqué vom Besuch Debrés in Bonn tatsächlich einer der letzten Lichtblicke.

De Gaulle wurde unlängst bei seinem Besuch in der französischen Provinz nicht nur bejubelt, sondern es ertönten Pfiffe in Grenoble. Den General in aller Öffentlichkeit auszupfeifen, das verlangt Mut. Darauf versagte es sich der General auf seiner weiteren Fahrt, an Ruhm und Größe des Vaterlandes zu appellieren, wie er dies sonst zu tun gewohnt ist. Er wiederholte statt dessen seine Selbstbestimmungsthese für Algerien. Aber manche Beobachter achteten dabei auf die Betonung, mit der de Gaulle diesmal das Wörtchen "jede" aussprach: Jede Lösung, welche die zweigeteilte Bevölkerung Algeriens treffen werde, sei für Frankreich verbindlich.

Am vergangenen Wochenende haben die Radikalsozialisten mit Felix Gaillard, die Sozialisten mit Guy Mollet und die Volksrepublikaner mit Pierre Pflimlin die Wiederaufnahme der Verhandlungen mit der algerischen Exilregierung gefordert. Die Front derjenigen, die zu neuen Verhandlungen bereit sind, ist damit um ein Beträchtliches verbreitert. Sie beginnt nun bei den Kommunisten, umfaßt die abgespaltenen Sozialisten mit Mendès-France, die Links-Gaullisten, sämtliche Gewerkschaften, fast alle Jugend- und Studentenverbände und reicht schon bis ins Lager der kerngetreu-gaullistischen UNR.