So kommt es am 22. Oktober 1940 in dem Salonwagen des deutschen Sonderzugs in Hendaye zu einer der bittersten Enttäuschungen in Hitlers Laufbahn. Der da Hitler gegenübersitzt, ist kein Ritter, der nach Ruhm und Ehre und Abenteuern lechzt. Wenn in der Seele Francos Poesie und Romantik leben, so weiß er sie in einer politischen Verhandlung zu unterdrücken. Dieser Franco paßt nicht in ein Drama von Calderón, er ist auch kein Don Quijote. Einer der Diplomaten Hitlers hat schon vorher davor gewarnt, noch immer an die Don Quijotes in Spanien zu glauben. Jetzt herrsche dort, so hat er gesagt, Sancho Pansa. Der Mann, mit dem Hitler sprechen muß, ist wirklich Sancho Pansa, ein Mann dieser Erde, sehr nüchtern, sehr zäh und sehr schlau, viel schlauer, als es Hitler bisher erlebt hat. Das erneuerte, das wiedergeborene, das faschistische Spanien stellt sich Hitler vor durch einen Mann, in dem bäuerliche Klugheit und kaufmännische Verhandlungskunst sich mischen – die beste Mischung, die das heimgesuchte Spanien in diesen Jahren brauchen kann.

Hitler ist zu Beginn des Gesprächs sehr zuversichtlich. Er vertraut auf die nachwirkende Bewunderung der Welt für den strahlenden Sieg in Frankreich, vertraut auf die politische Gemeinschaft, vertraut nicht zuletzt auf seine Kraft der Suggestion, mit der er den anderen Diktator, Benito Mussolini, schon mehr als einmal bezwungen hat. "England ist schon geschlagen ... bald wird es das auch einsehen – aber man muß den Krieg abkürzen ... deshalb muß Spanien helfen, daß Gibraltar den Engländern entrissen wird ..., ein Bündnis muß geschlossen werden."

Franco sitzt mit undurchdringlichem Gesicht dabei. Er läßt Hitler zunächst reden, aber dann spricht auch er, mit sanfter Stimme, sehr höflich. Er stellt nur einige Fragen, aber jede von ihnen ist tödlich für Hitlers Pläne. Wenn Spanien mit England bricht, bekommt es kein Getreide mehr von Übersee; wird Deutschland das Getreide liefern können? In einem Kriege braucht man schwere Geschütze, Spanien hat nicht genug; wird Deutschland sie liefern können? Spanien muß auf einen schweren Luftkrieg gefaßt sein; kann Deutschland die notwendige Flak stellen? Ist es nicht überhaupt am besten zu warten, bis die vom Führer in Aussicht genommene geplante Invasion Englands geglückt ist? Auch dann ist der Krieg noch nicht zu Ende, Churchill will ihn von Kanada aus weiterführen; aber dann wird alles viel leichter sein ...

Lieber vier Zähne ziehen lassen ...

Hitler hört mit steigender Erbitterung diese Fragen. Gerade weil er die Invasion hat aufgeben müssen, will er ja nach Gibraltar. Jetzt soll er erst in England einfallen, und er weiß doch schon, daß dies unmöglich ist. Aber das darf er Franco nicht sagen, er muß über seine tiefste Verlegenheit schweigen.

Um so größer wird sein Zorn. Einmal erhebt er sich, er will das Gespräch beenden, das doch keinen Zweck habe. Dann steht ihm wieder die drängende strategische Notwendigkeit vor Augen, er beherrscht sich, er verhandelt weiter vergeblich. Dieser liebenswürdige Mann mit seiner leisen Stimme und seiner unerschütterlichen Festigkeit ist nicht zu bezwingen. Nach neun langen Stunden bricht Hitler endlich das Gespräch ab. Er weiß, daß er geschlagen ist.

In der Nacht verhandeln die beiden Minister noch miteinander, nicht weniger zäh, aber gleich ergebnislos wie ihre Regierungschefs. Die diplomatische Niederlage Hitlers ist vollständig.