KM, Saarbrücken

Die Strafgefangenen, die das so reichlich von jener Zeit haben, die uns allen stets fehlt – was tun sie den langen Tag, die langen Jahre hindurch?

Wir Sitz-Laien stellen uns den Gefangenen gern vor, wie er, dumpf brütend, auf seiner Pritsche liegt und über Rache, Reue oder neue Taten meditiert. Gelegentlich läßt unsere Phantasie ihn stumpfsinnig grobe, graue Tüten kleben, in die der Krämer uns später Salz und Soda füllt. Und über dieser Tätigkeit und dem hauptberuflichen Hinbrüten auf seiner Pritsche vergißt er dann bald, was er einstmals war: Friseur oder Seemann, Anstreicher oder Schneider, Professor für vergleichende Sprachwissenschaften, Reiseleiter oder Museumsdiener.

Die Wirklichkeit hinter den Mauern ist anders. Gewiß sind alle Berufe vertreten – jedenfalls gibt es keinen Beruf, der die Leute gegen Gefängnisstrafen immunisiert. Aber es spielt im Gefängnis in Wirklichkeit eine Rolle, was man "eigentlich" ist. Und was auch immer man war, vom ungestörten Dösen auf der Pritsche kann nicht die Rede sein. Die Vorschriften über den Strafvollzug stehen dem im Wege: "Die zu Gefängnisstrafe Verurteilten können in einer Gefangenenanstalt auf eine ihren Fähigkeiten- und Verhältnissen angemessene Weise beschäftigt werden."

Was angemessen ist, entscheidet der Leiter der Anstalt.

Natürlich hat so ein Gefängnisdirektor oft nicht die passende Arbeit, und mit der angemessenen Beschäftigung ist auch bestimmt nicht gemeint, daß jeder in seinem Beruf tätig sein soll. Wohin sollte das führen? Beim Reiseleiter? Was sollte der Museumsdiener bewachen, wohin der Seemann steuern? Und sollte die Gefängniszeit für den Professor der vergleichenden Sprachwissenschaften bedeuten, daß ihm die Zelle als Studierstube eingerichtet würde?

Nein, die Vorschrift will nur besagen, daß man den Buchhalter nicht Steine schleppen lasse, den Handlungsgehilfen nicht Holz sägen, den Anstreicher nicht nähen.