Von den Engländern beider Parteien weiß man seit langem, daß sie nicht gewillt sind, den deutschen Anspruch auf die Gebiete jenseits von Oder und Neiße zu unterstützen. Auch de Gaulle hat nie jenes Wort widerrufen, in dem er die "Vereinigung der beiden Teile Deutschlands" als "das normale Schicksal des deutschen Volkes" bezeichnete – "vorausgesetzt, daß die augenblicklichen Grenzen im Osten, im Westen, Norden und Süden nicht angetastet werden". Und an der Haltung der Regierung Eisenhower sind zumindest Zweifel erlaubt, seitdem der Präsident einmal im Fernsehen eine Rede hielt, hinter sich eine Europa-Karte, auf der die Oder-Neiße-Linie als endgültige Staatsgrenze markiert war.

In dieser Woche ist den Deutschen nun wieder ein Stück Hoffnung entrissen worden, daß sie bei künftigen Friedensvertragsverhandlungen der Fürsprache Amerikas gewiß sein können. In Buffalo hat der republikanische Präsidentschaftskandidat die Oder-Neiße-Grenze quasi anerkannt. Vizepräsident Richard Nixon sagte:

"Millionen von Polen, die Sibirien entkommen sind, mußten Hunderte von Meilen nach Westen ziehen und haben in den jetzigen Westgebieten ihre Heime wiederaufgebaut und ein neues Leben begonnen. Dies ist ein Faktum der Nachkriegsgeschichte. Ein anderes Faktum im Zusammenhang mit diesen territorialen Veränderungen ist, daß alle Polen, die in Polen wie jene im Ausland, geeint sind in ihrer Entschlossenheit, die neue Westgrenze zu verteidigen. Diese Fakten müssen unweigerlich die Haltung der Westmächte beeinflussen – insbesondere deswegen, weil Polen der größte natürliche Verbündete des Westens unter den vom Kommunismus beherrschten Nationen ist, und weil es ferner, wie ich selber gesehen habe, eines der antikommunistischsten Völker der Welt ist. Die nächste Regierung muß ihre Politik so formulieren und ausführen, daß sie beiträgt, die Hoffnung des polnischen Volkes aufrechtzuerhalten und seine Moral und Lebenskraft zu stärken. Nichts darf von amerikanischer Seite getan werden, das die fundamentalen Interessen der polnischen Nation beschädigt, im Gegenteil muß alles geschehen, um die Entschlossenheit der Polen zu stärken, eines Tages wieder eigener Herr im eigenen Hause zu sein."

Gewiß sind dies Tatsachen: daß die Äußerung im Wahlkampf gefallen ist; daß Buffalo viele Einwohner polnischer Abstammung hat, um deren Stimmen Nixon wirbt; daß der republikanische Kandidat ja überhaupt den katholischen Polnisch-Amerikanern etwas bieten muß, will er sie Kennedy abspenstig machen. Aber es wäre falsch, nur Wahltaktik zu sehen, wo auch tiefe Überzeugung waltet. Der Vizepräsident hat ja im vorigen Sommer in Warschau schon das amerikanische Desinteresse an einer Revision der Oder-Neiße-Linie durchblicken lassen. Und falsch wäre es wohl auch, hier noch allzu große Hoffnung auf den demokratischen Bewerber Kennedy zu setzen. Nicht nur, daß er unter demselben Wahlkampf druck steht wie sein Opponent, er teilt auch Nixons allgemeine Auffassung über Polen und dessen Bedeutung für den Westen.

Es ist eine bittere Frucht des amerikanischen Wahlkampfes: die Erkenntnis, daß wir am Tisch der Friedenskonferenz, der fragwürdigen, wenn es um die endgültige Festlegung der deutsch-polnischen Grenze geht, womöglich von allen Siegermächten, auch unseren heutigen Verbündeten, im Stiche gelassen werden. Th. S.