Paris, im Oktober

Als Premierminister Macmillan im Frühjahr dieses Jahres seinen aufsehenerregenden Entschluß verkündete, auf das britische Fernraketen-Programm zu verzichten, gab General de Gaulle in Paris seinem nicht minder aufsehenerregenden Plan einer französischen Force de Frappe gerade den letzten Schliff. Unbeeindruckt von den schweren Zweifeln, welche die britische Regierung zu ihrem kühnen Verzicht getrieben hatten, unbeeinflußbar von allen eigenen und ausländischen Ratgebern hat de Gaulle seither alles darangesetzt, möglichst bald die umwälzende Armeereform in die Tat umzusetzen. Force de Frappe – ein anderes Wort für Atomstreitmacht...

Je näher jedoch der Tag rückt, an dem das Rahmengesetz für den Aufbau einer nationalen französischen Atomabschreckungstruppe endgültig verabschiedet werden soll, desto mehr wächst der Widerstand gegen das gesamte Projekt. Wie die erste öffentliche Diskussion am Dienstag und Mittwoch in der Nationalversammlung zeigte, glaubt die Opposition, endlich ein Thema gefunden zu haben, das ihr Gelegenheit gibt, in aller Sachlichkeit die militärischen Reformpläne des Generals de Gaulle als fundamentalen Irrtum nachzuweisen.

Der Angriff auf den Force-de-Frappe-Plan wird konzentrisch geführt. Sowohl im Verteidigungsausschuß als auch im außenpolitischen Parlamentsausschuß überwogen klar die Gegenargumente, wenn auch bei der Schlußabstimmung die regierungstreuen Abgeordneten aus Gründen der Parteidisziplin einen knappen Sieg erreichten.

Von der militärischen Seite her konzentriert sich die Polemik auf drei Fragen. Erstens: Läßt sich das Programm mit den Verpflichtungen Frankreichs innerhalb der atlantischen Verteidigungsgemeinschaft vereinbaren? Zweitens: Wird die Sicherheit des Landes angesichts der einseitigen Bevorzugung der atomaren Aufrüstung auch im Falle eines sogenannten "Kleinen Krieges" noch gewährleistet? Drittens: Besteht nicht die Gefahr, daß zum Beispiel die Bundesrepublik mit Hilfe von in Amerika gekauften oder in der Bundesrepublik stationierten amerikanischen Atomwaffen de facto rasch über eine stärkere Atommacht verfügen könnte als Frankreich, das auf sich allein gestellt ist, wenn es den mühsamen Weg bis zur selbständigen Atommacht durchlaufen will?

Es heißt, daß es in der gesamten Armee außer dem Leiter der Atomversuche in der Sahara, dem General Lavaud, keinen einzigen Generalstabsoffizier gibt, der diese Bedenken nicht teilte. Natürlich ist das übertrieben. Aber offensichtlich hält ein großer Teil der Armee die Einwände des im Frühjahr von de Gaulle abberufenen Oberkommndierenden des NATO-Abschnittes Mitteleuropa, General Valluy für sehr realistisch: Ohne grundsätzlich das Prinzip der atomaren Abschreckungstruppe abzulehnen, glaubt Valluy, daß Frankreichs eigene Macht in jeder Beziehung einfach zu schwach und zu klein in einem internationalen Konflikt sei. Bereits bei der Frage eines ausreichenden nationalen Luftwarnsystems werde die Sache kritisch.

Valluy ist der Ansicht, daß Frankreich, wenn man überhaupt von einem "ausreichenden" Abschreckungsschutz sprechen wolle, einige Hundert A-Bomben und einige Dutzend H-Bomben besitzen müßte. Die Dinge lägen aber so, daß es frühestens 1964 über die ersten Bombenträger – Mirage IV – verfüge und erst in acht bis zehn Jahren über die entsprechenden Raketen – wenn man sie nicht im Ausland kaufe.