Von Gottfried Sello

Man kennt den alten Hans Purrmann durch seine Selbstbildnisse. Man weiß, wie er aussieht. Mächtiger, kahler Schädel, aus dem Vollen gearbeitet, hart und doch angenehm gerundet, kräftiger Mund mit scharf geschnittenen Lippen, ein lebhaftes Rot in Grau gefaßt, der angespannte, ins Ferne zielende Blick aus aufgerissenen Augen. Das Gesicht eines alten Bauern oder Handwerkers, mit einem Zusatz von Fremdheit, Melancholie, Vielerfahrenheit, der eine allzu einfache Deutung in Frage stellt. Betroffen bleiben die Besucher beim Deutschen Künstlerbund oder in der Großen Münchner Kunstausstellung davor stehen. Wer ist der Mann?

"Der Maler Hans Purrmann" heißt die Ausstellung im Kunstverein Hannover (bis zum 30. November). Purrmanns 80. Geburtstag im April 1960 ist der Anlaß für diese Repräsentation seines Lebenswerks, die so umfassend bisher nur einmal, im Kunstmuseum Luzern, in Deutschland noch nie geboten wurde. 168 Ölbilder, das früheste von 1898, eine Parklandschaft in Purrmanns Geburtsstadt Speyer, das letzte ein Kinderporträt, gemalt 1960 in Montagnola, wo Purrmann seit 25 Jahren lebt. Bilder aus 60 Jahren – einer Zeitspanne, in der die Kunst sich radikaler verändert hat als früher in einem Jahrtausend.

An Purrmann ist das fast spurlos vorübergegangen. Er hat, etwa seit 1910, nichts Neues mehr zur Kenntnis genommen. Er ist, auf eine großartige und fatale Art, seinen Anfängen treu geblieben. Auch das steht in seinem Gesicht; die konservative Haltung ist physiognomisch ablesbar. In dem leidenden Zug liegt auch Mangel an Beweglichkeit, die Unfähigkeit, sich anzugleichen, den nächsten Schritt zu tun, über das Erreichte hinaus. Als Zwanzigjähriger war er seiner Zeit voraus, also eine Hoffnung. Als er vierzig war, hatte die Zeit ihn überholt; in der deutschen Malerei der zwanziger Jahre spielt Purrmann keine nennenswerte Rolle.

Aber dreißig Jahre später tritt er mächtig in Erscheinung, der Alte aus Montagnola, der die Moden von gestern nicht mitgemacht hat und auf dem Stand von vorgestern, vom Anfang des Jahrhunderts, geblieben ist. Seine Malerei wirkte, sagt Gotthard Jedlicka im Vorwort des Katalogs, "wie ein Schutzwall gegen die zerstörenden und auflösenden Kräfte in der Kunst der Gegenwart". Darüber kann man streiten, über die zerstörenden Kräfte wie über den Schutzwall. Tatsache ist, daß Beharren und Mangel an Wendigkeit dem Maler zu später Anerkennung verholfen haben.

Purrmann gilt "kunstgeographisch" als Verbindungsmann und Grenzgänger zwischen Deutschland und Frankreich. Er lebte von 1906 bis 1914 meistens in Paris. Mit Rudolf Levy, seinem Landsmann Weisgerber, mit Moll und Ahlers-Hestermann gehörte er zum Malerkreis des Café du Dome. Wie die andern wurde er Schüler von Matisse. Kein anderer deutscher Maler hat Matisse auch freundschaftlich so nahe gestanden, ihn auf seinen Reisen begleitet, ihm auch später in Deutschland den Weg bereitet, Ausstellungen arrangiert. Sicher war diese Begegnung wichtig für Purrmann, aber doch nicht so entscheidend, wie es von denen angenommen wird, die überall in Purrmanns Werk Matisse hineininterpretieren. An den frühen Bildern, die in Hannover chronologisch gehängt sind, kann man den Gang dieser Beziehung verfolgen.

Purrmann war kein unbeschriebenes Blatt, als er nach Paris kam. Er hatte eine lange und solide Ausbildung hinter sich, erst in Speyer bei seinem Vater, einem angesehenen Malermeister, dann in München bei Stuck, wo er zusammen mit Klee, Kandinsky und Weisgerber studierte. Der "Wochenmarkt in Speyer" von 1903 oder der "Sitzende Akt" von 1905, vor Paris, sind im damaligen Deutschland ohne Vorbild, über den Impressionismus weit hinaus, und in der lapidaren Vereinfachung, in der farbigen Energie eine Vorwegnahme fauvistischer Bildelemente. Purrmann hat dann, unter dem Einfluß von Matisse, das Eigene noch klarer, kraftvoller entwickelt. Eine Zeitlang malt er nicht wie Matisse, aber wie ein Fauve, und diese farbglühenden, lodernden, wilden Landschaften kennzeichnen eine sehr glückliche Periode.