Magie großer Namen – Frankreichs Spitzenweine werden überall im Ausland geschätzt – Was der Gemeinsame Markt verspricht

Von Sybil Gräfin Schönfeldt

Beim Staatsdiner, das dem Präsidenten Charles de Gaulle am 26. April 1960 im Waldorf Astoria in New York serviert wurde, bekam er keine einheimischen, kalifornischen Weine vorgesetzt, sondern die des eigenen Landes: zum Fisch einen weißen Burgunder, Puligny-Montrachet, Les Combettes 1957, zum Rinderfilet Château Lascombes 1953, einen roten Bordeaux, und zum Eis einen Moet et Chandon, Dry Imperial Brut 1953 Auch Königin Elizabeth und Prinzgemahl Philip, die bei ihrem Staatsbesuch am 28. Oktober 1957 von "The Pilgrims of the United Nations" und "The English Speaking Union of the United States" im gleichen Hotel zum Diner eingeladen wurden, tranken die Weine Frankreichs. Die erlauchten Gäste bekamen als ersten Wein zum Long Island Barsch weißen Burgunder, einen Chassagne-Montrachet, Morgeot 1955, und zum Rinderfilet mit Trüffelsauce gab es roten Bordeaux, Château Lascombes 1953. Den Nachtisch, einen Waldorf Savarin au Rhum, begleitete ein Besserat de Bellefon 1949, ein seltener, aber köstlicher Champagner.

Damit ist die traditionelle Bedeutung des französischen Weins – rot des vins, vin des Rois – als Krönung der Tafelgenüsse wieder bestätigt worden; das wachsende Qualitätsbewußtsein kultivierter Gourmets und kulinarischer Snobs hat sie nach Jahren natur- und kriegsbedingter Unterbrechung zu dem Getränk zurückfinden lassen, das jedem das Seine gibt: dem Connaisseur die Gaumenfreude und dem aus sozialem Prestige Trinkenden die Magie großer Namen. Doch gerade bei den Rotweinen aus den beiden klassischen Anbaugebieten Bordeaux und Burgund ist das eine kaum vom anderen zu trennen. Die sogenannten Großen Weine reisen wie berühmte Gemälde mit ihrer Expertise, ihre Vergangenheit steigert ihr Aroma.

Rußland war der große Kunde

Die Vergangenheit des mit seinen rund 180 000 Hektar Weinfeldern und einer Jahresernte von drei bis fünf Millionen Hektolitern größten französischen Weingebiets, des Bordeaux, ist jedoch eigentlich englisch. Fast genau 300 Jahre lang gehörten Stadt und Sénéchaussée de Bordeaux als Heiratsgut der Eleonore von Aquitanien zu England, und die Weine der fünf Hauptprovinzen jener Gegend – Médoc, Graves, Sauternes, Pomerol und St. Emilion – waren in englischen und hansischen Häfen als claret – eine Verschleifung des französischen clairet – eher bekannt und beliebt als in Frankreich selbst. Doch obwohl Bordeaux seit dem Ende des Hundertjährigen Krieges wieder zur Grande Nation gehört, besteht die von den Briten übernommene Neigung zum Understatement und zum Traditionalismus noch heute. So gibt es zum Beispiel im ganzen Médoc mit seinen rund 400 Châteaux nur drei, deren regisseurs, Verwalter, ihren Ingenieur agriculture gemacht haben. Außer in Château Lafite, Lascombes und Latour vererben sich Erfahrung und Irrtümer dieses Berufs konservativ und unverändert vom Vater auf den Sohn.

In der Stadt Bordeaux, in jener lauten schäbigen Hafenstraße der Weinhändler, dem Quai des Chatrons, herrscht ein ähnliches Beharrungsvermögen für das, was einmal gut und richtig war: Kontorfassaden, deren Putz aus der Dickenszeit zu stammen scheint, massive blanke Messingschilder, drinnen düstere Gänge, riesige Weinspeicher und oben in den Büros manchmal noch Stehpulte. Und die Klage: "Seit wir unseren großen Kunden verloren haben, ist das Geschäft nichtmehr das rechte..." Der große Kunde, dem und dessen Zeiten man heute noch nachträumt, war das kaiserliche Rußland, dessen Potentaten den Wein gleich güterweise einkauften.