Von Indro Mortanelli

Rom, Mitte Oktober

Die Aufgabe von Monsignor Maccari, den der Vatikan auf "apostolischen Besuch" nach dem Kloster San Giovanni Rotondo geschickt hat, ist gewiß nicht angenehm gewesen. In dem vorsichtigen Vokabular der Kirche bedeutet "apostolischer Besuch" soviel wie "Untersuchung" oder "Inspektion". Zwar hat Monsignor Maccari keine drastischen Maßnahmen ergriffen, und über Pater Pius sind keine Strafen verhängt worden, und es war keine Rede davon, daß er in ein abgelegenes spanisches Kloster Verbannt würde, wie viele es befürchtet hatten. Doch wurde immerhin ein Gitter in der Kapelle errichtet, in der er die Messe liest. Jetzt können die Gläubigen nicht mehr über ihn herfallen, um, mit einer Schere bewaffnet, Fetzen seiner Kutte zu ergattern.

Der Zwischenfall, der den Vatikan bewogen hatte, dem Monsignor Maccari die undankbare Aufgabe eines "apostolischen Besuches" aufzubürden, war an sich nicht besonders schwerwiegender Natur gewesen: Die Gattin des chilenischen Gesandten in Rom hatte sich nach San Giovanni Rotondo begeben, um den frommen Mönch, der im Geruch der Heiligkeit steht, zu sehen und zu sprechen. Sie hatte sich in der Kirche auf einen der Plätze der vordersten Reihe gekniet. Diese Plätze aber sind schon seit Jahren sozusagen das Monopol einiger fanatischer Betschwestern, die, weil sie länger als die anderen zur Gefolgschaft des Paters Pius gehören, glauben, besondere Rechte zu haben, die niemand antasten darf. Die nichtsahnende Gesandtengattin wurde hart zurechtgewiesen, beschimpft und schließlich angegriffen. Der Gesandte protestierte formell beim Vatikan, der ebenso formell gezwungen war, sich zu entschuldigen. Es wurde nun auch jener "apostolische Besuch" in die Wege geleitet, der im übrigen schon lange auf dem Programm gestanden hatte.

Monsignor Maccari hatte Gelegenheit, Tuchfetzen zu sehen, die mit Hühnerblut getränkt waren. Geschickte "Geschäftsleute" hatten sie außerhalb der Kirche verkauft unter der Behauptung, sie seien in die Wunden des stigmatisierten Paters Pius getaucht worden. Hunderte von falschen Kapuzen und Dutzende von zerdrückten Betkissen, auf denen er gekniet haben soll, sind außerdem im Umlauf.

Aber da ist noch eine andere Sache, die sehr viel mehr ins Gewicht fällt: Die Casa del Sollievo della Sofferenza, das Haus zur Linderung des Leides! Es ist durch Pater Pius und die ihm zugedachten Spenden entstanden und wurde zu einem großen Gebäudekomplex von verschiedenen Krankenhäusern: ein Besitz im Werte von über zwei Milliarden Lire. Besitzer ist eine Aktiengesellschaft, deren Anteilscheine alle in der Hand des Paters liegen, mit Ausnahme von einem, der dem Direktor, Graf Telfner, gehört, der so etwas wie ein Patenkind Pater Pius’ ist. Die Bilanzaufstellung des Jahres 1959 wies ein Defizit von 20 Millionen Lire auf, das jedoch weitaus durch die aus allen Teilen der Welt eintreffenden Gaben gedeckt wird, Gaben, die jedes Jahr eine halbe Milliarde übersteigen. Es scheint jedoch, daß die Bedeutung, die Weitläufigkeit und Kompliziertheit des ganzen Unternehmens eine administrative Strenge erfordert, die heute nicht vorhanden ist.

Es ist nur logisch, daß Pater Pius gerade vor dieser Strenge zurückschreckt. Der Franziskanermönch, der vom Tage seines Gelübdes an sich nicht mehr um Geld gekümmert hat und sich nicht mehr für Geld interessiert, weiß vermutlich nicht einmal, daß er an der Spitze eines gewaltigen Betriebes steht, für den Geld ein unerläßlicher Faktor geworden ist, weil allein 9000 Kranke versorgt und etwa 30 Ärzte bezahlt werden müssen, von denen einige sogar über eine Million Lire (etwa 6600 Mark) im Monat beziehen, um für die "unbequeme Residenz" entschädigt zu werden. Pater Pius war völlig ahnungslos darüber, daß das gesamte Terrain um sein abgelegenes Kloster plötzlich zum Spekulationsobjekt geworden ist und daß dort, wo früher ein Hektar für 1000 Lire zu haben war, heute kein Quadratmeter unter 5000 Lire zu bekommen ist. Wahrscheinlich hat er nicht einmal bemerkt, daß das ganze leitende Personal in der Verwaltung seines "Hauses der Linderung des Leides" aus einem Gewirr von Onkeln, Neffen, Vettern und Schwägern besteht.