Es ist so eine Sache, gleichzeitig die Musikfreunde der konzertanten Musik und die Jazzfans vor den Kopf zu stoßen: die einen mit Swing und "Verjazzung" heiliger Podiumsdenkmäler, die andern mit derart revoltierendem Jazz, daß den musikalisch schon saturierten Oldtime-Anhängern die Ohren klingen werden.

Hans Gertberg setzt sich in seiner neuen Sendereihe "Jazz – ein Aspekt der zeitgenössischen Musik" (NDR, 3. Programm, jeden Sonntag 19.30 Uhr) offenbar mit Fleiß zwischen diese zwei Stühle. Entstanden sind bisher – und man kann das nicht genug loben – drei ganz vorzügliche Sendungen mit gescheitem Kommentar (der einmal nicht Imitation oder Reaktion auf den SWF-Star J. E. Berendt ist) und geschickter Musikauswahl.

Gleich zu Beginn wurde scharf geschossen: Ein Gershwin-Evergreen verwandelte sich im Arbeitsstudio des Hard-Bop-Bassisten Charlie Mingus in musique concrète, in der weder Nebelhorn noch Trillerpfeife fehlten: Nebel in London hieß das Thema. In der dritten Sendung folgte auf Arien aus "Porgy and Bess" das, was sehr verschiedene Jazzmusiker (Hank Jones, Rex Stewart, Cootie Williams) improvisierend daraus gestaltet haben. Den Vogel schoß zweifellos der kühle Miles Davis ab. Sein kongenialer Arrangeur Gil Evans setzt Miles’ Trompete über ein großes Orchester: Kristallklangfilter vor Gershwinscher Sentimentalität. Ebenbürtig waren hier die Neue Musik und der alte Jazz. J. Z.

Seneca-Tragödie

Hermann Gressieker benutzt die Historie gern als Anschauungsmaterial für eine abendländisch-christliche Geisteshaltung. Beispielhaft dafür ist auch seine Seneca-Tragödie (1951), die der kürzlich verstorbene Paul Hühnerfeld noch für den Funk bearbeitet hat (Radio Bremen in Gemeinschaftsproduktion mit dem österreichischen Rundfunk). Seneca, stoischer Philosoph und Poet aus griechischem Erbe, Erzieher und "Reichsstatthalter" Neros, wird ihm dabei interessant als Repräsentant einer Vernunftherrschaft, deren Scheitern den Blick zum "Glauben" hinwendet. Die Vernunft bedarf des Glaubens (der hier im Apostel Paulus seinen zeitgeschichtlichen Anwalt hat), um zwischen dem Guten und Bösen scheiden zu lernen – so etwa läßt sich Gressiekers Fazit umschreiben. Freilich bedeutet ihm Vernunft nicht mehr als das Vernünftige, und das Vernünftige nicht mehr als das einem Menschen Nützliche. Akzeptiert man diese Warte, so begegnet einem das Werk als ein Scharmützel scharf geschliffener Gedanken. Die straffe Bearbeitung Hühnerfelds und die zügige Regie Oswald Döpkes sorgten für ein Hörspiel von spürbarer Brillanz. dree

Wir werden sehen

Sonntag, 23. Oktober. 20.05: Ein Fernsehfilm von der Not einer kleinen schwedischen Kirche in den Bombennächten Berlins. Es spielen u.a. Friedrich Domin, Antje Weisgerber, Kate Kühl, Richard Münch. – 21.50: Johanna Martzy (Violine) und Jean Antionietti (Klavier) spielen: "Rumänische Tänze" von Bela Bartôk; "Die Arabeske" von Martinu und die "Sonate A-Dur" von Antonio Vivaldi. "Große Interpreten" heißt diese Sendereihe.