Wird es eines Tages auch Henschel-Aktien an den Börsen geben? Mit dieser Frage beschäftigte sich Dr. Fritz-Aurel Goergen, Hauptanteilseigner und Geschäftsführer der Henschel-Werke GmbH, Kassel, die aus Anlaß des 150jährigen Bestehens des Unternehmens stattfand. Eine eindeutige Antwort gab er nicht. Sicher ist jedoch, daß die Firma eines Tages ihre Rechtsform ändern wird. Goergen meinte, daß die Henschel-Werke als GmbH bei einem Umsatz von 400 Mill. DM im Jahr (Stammkapital 40 Mill. DM) schwer zu führen seien. Für eine offene Handelsgesellschaft fehlen ihm die entsprechenden Mittel. Es bleibt also nur eine Umgründung in eine Aktiengesellschaft. Ihr Zeitpunkt ist noch offen, ebenso die möglichen Partner. Nach Lage der Dinge kommt ein Sofortverkauf der Aktien über die Börse nicht in Frage, denn nach Goergens Ansicht müssen die Gewinne auf Jahre hinaus noch investiert werden. "Jedes Coupon-Schneiden muß ich ablehnen!" Eine Börsennotiz für etwaige Henschel-Aktien wird es also in absehbarer Zeit nicht geben.

Die Henschel-Geschäftsführung sucht keine Kleinaktionäre als Partner‚ sondern Unternehmen und Gruppen, "die auch etwas zu bieten haben". Das wirft natürlich ein bezeichnendes Bild auf die Veränderungen, die vor einigen Tagen im Kreis der Henschel-Gesellschafter stattgefunden haben. Obwohl Goergen auf Fragen nach dem Grund des Ausscheidens von Herbert Coutinho nachdrücklich schwieg, mußte man den Eindruck gewinnen, daß zwischen Goergen und Coutinho erhebliche Differenzen über die künftige Geschäftspolitik bestanden haben.

Nicht erwähnt wurde auch die Familie Henschel, die keine Beziehung mehr zu dem neuen Unternehmen besitzt, das aus der großen Henschel-Krise 1957/58 entstanden ist. Auf dem Jubiläums-Festakt bedauerte Dr. Goergen, daß Frau Henschel, die ihre Teilnahme zugesagt hatte, durch einen Sanatoriums-Aufenthalt am Kommen verhindert worden sei, "denn der Besitzwechsel bedeutet nicht, daß wir die Tradition des Hauses nicht pflegen wollen." Goergen ließ andererseits keinen Zweifel daran aufkommen, daß er ein Werk übernommen hatte, in dem hinsichtlich Investitionen und Modernisierung nicht das Nötige getan worden sei und daß es ihm sehr am Herzen gelegen hätte, zwischen Belegschaft und Geschäftsführung ein gutes Verhältnis herzustellen. Gewisse Praktiken der Vergangenheit (Massenentlassungen kurz vor Weihnachten) lehne er ab.

Tatsache ist, daß auch im "Notstandsgebiet" Kassel inzwischen ein empfindlicher Arbeitskräftemangel herrscht. Henschel hat – genau wie viele andere in der Expansion befindliche Firmen – nach Betrieben Ausschau gehalten, die für die Zwecke der Firma geeignet wären, um Kapazitätsengpässe zu beseitigen. Aber bislang ohne Erfolg. Henschel braucht bestimmte Facharbeiter, die auch auf diese Weise nicht zu bekommen sind. Erfolgreicher sind die Rationalisierungs-Bemühungen. Sie gehen mit den Erweiterungs-Investitionen parallel. Der Investitionsplan sieht für die nächsten Jahre eine Summe von 150 Mill. DM vor. Ziel: Errichtung einer modernen Schwermaschinenfabrik mit einem krisenfesten Programm. Dafür sind 150 Mill. DM nicht übertrieben viel. Sie sind jedoch offensichtlich auf die Finanzkraft des Unternehmens abgestellt, sollen also in der Hauptsache aus den Abschreibungen und den Gewinnen fließen. Ein Mann wie Goergen ("Ich bin Optimist!") hat naturgemäß viele Pläne. Bislang mußte die Geschäftsführung alle Energie darauf richten, das heruntergewirtschaftete Werk wieder in Ordnung zu bringen. In Zukunft wird man freiere Hand haben. K. W.