Heute – am Freitag, dem 21. Oktober – startet das größte Unternehmen auf deutschen Bildschirmen. Mit der Sendung „Die Machtergreifung“ (20.25 bis 21.15 Uhr) wird der erste Teil einer insgesamt 700-Minuten-Sendung zu sehen sein, die in vierzehn Folgen unterteilt ist. Die letzte dieser Folgen läuft am 15. Mai 1961.

In Köln wurde der Presse die zweite Sendung (4. November 1960 – 20.25 Uhr) vorgeführt. Der Dokumentar-Film hieß „Die Gleichschaltung“. Man sieht: Alle haben denselben „Führer“, das gleiche Abzeichen, das gleiche Hemd; sie haben denselben Gruß, dieselbe Fahne; alle verzehren an einem Tag dasselbe Essen – den Eintopf; alle sollten den gleichen Wagen fahren – den Volkswagen, alle den gleichen Radioapparat haben – den Volksempfänger: Gleichschaltung. Man sieht die Organisationen der totalen Erfassung: NS-Lehrerbund, NS-Studentenbund, NS-Frauenschaft, Hitler-Jugend und Deutsche Arbeitsfront, NS-Volkswohlfahrt für die Armen und Kranken, NS-Kraftfahr-Korps für die Autofahrer, NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ für die Freizeit – eine Liste, die sich endlos verlängern ließe. Alles, alles ist eingeplant. Man sieht die Führer der totalen Erfassung: Reichsjugendführer, Reichspressechef, Reichsbauernführer, Reichsfrauenführerin, Reichsarbeitsführer, Reichssendeleiter, Reichsstudentenführer, Reichsbischof, Reichskriegsopferführer ... Und man sieht auf einem NS-Partei-Plakat den einzigen, der noch abseits steht: Auf einer Photomontage marschieren die endlosen braunen Kolonnen und am Straßenrand steht ein einziger schäbiger Zivilist – wenn ich mich im Jargon der damaligen Zeit ausdrücken darf. Unterschrift: „Wie lange stehst du noch abseits?“ Es ist wirklich ein recht schäbiger Zivilist, so schäbig anzuschauen, daß er eigentlich nur abseits stehen kann. Wer anständig war, marschierte mit...

Die knappen Schnitte dieses Films sind von außerordentlicher Intensität. Wenn am Ende Millionen Menschen in sauberen Blocks geordnet auf dem sogenannten Reichsparteitag-Gelände in Nürnberg stehen, wenn man Menschen gar nicht mehr erkennen kann, sondern nur die Blocks, wenn an der Spitze ein einzelner Mann mit erhobenem Arm steht – man erkennt „den Führer“ –, dann ahnt man, was „Drittes Reich“ gewesen ist.

Die Sendereihe wurde vor 18 Monaten von den Sendern Köln und Stuttgart geplant und in den letzten zwölf Monaten fertiggestellt. Sämtliche Archive – vor allem in Rom, Paris, Stockholm, Kopenhagen, London, Warschau und den USA – wurden durchstöbert. 500 000 Meter Film hat man gesichtet.

Nach der ersten Vorführung kann man jede Folge nur mit Spannung erwarten. Vor allem die Jugend wird danach halbwegs begreifen können, was das sogenannte Dritte Reich gewesen ist.

Für die Redaktion der Sendung sind Heinz Huber, Artur Müller und Gerd Ruge verantwortlich unter Assistenz von Hannes Hoff und Eberhard Leube, für die Dokumentation Dr. Kurt Zentner, für die wissenschaftliche Beratung Dr. Waldemar Besson. Heinz Stuckmann