Von Ludwig Marcuse

Das Anstoßnehmen ist nicht nur eine Erschwerung des Privatlebens, sondern auch eine öffentlich sanktionierte Reaktion.

Jede Zeitung, jeder Funk, jeder Schuldirektor weiß ein Lied davon zu singen. Der öffentliche Zensor ist, möchte ich sagen, noch der zurückhaltendste (auf jeden Fall begrenzteste) Anstoßnehmer – was ihn allerdings nicht rechtfertigt. Immerhin existiert er nur als Singular und greifbar. Während die nicht-amtlichen, nicht zu fassenden Zeitungs-, Funk- und Fernseh-Redakteure samt ihren Vorgesetzten ein Plural sind: zahlreich wie Sand am Meer und ebenso formlos.

Es ist irreführend, hier von Tabus zu reden; sie waren immer klar umrissene Verbote. So ist ein "Tabu" das Wort "Tod" ( death) für eine der besten amerikanischen Zeitungen, den Christian Science Monitor": jene fünf Buchstaben dürfen nicht gedruckt werden. Leider sind unsere sogenannten (falsch so benannten) "Tabus" und die Wächter über sie nicht so deutlich.

Aus der Familie dieser nicht kodifizierten Ärgernis-Erreger kennen wir am besten die sexuellen, religiösen und politischen Zweige... sie sind mit einer unendlichen Reihe anerkannter Empfindlichkeiten besetzt. Die sind allgemein akzeptiert; jeder, der sie in Frage stellt, ist ein Feind der Gesellschaft. Ist der Anstoßnehmer noch freundlich, so sagt er überlegen: man stamme eben aus der Weimarer Republik, die keine staatsbürgerliche Verantwortlichkeit kannte; mit diesem laisser faire sei es aber in der zweiten deutschen Republik, Gott sei Dank, vorbei. Was verantwortet werden muß, bestimmt natürlich der jeweilige Ankläger.

Es gehört nun zur Familie der Anstoßnehmer eine Gruppe, die nicht weniger laut ist als jede andere – aber etwas weniger ernst genommen wird: die ästhetische oder, wenn man so will, unästhetische. Auch Kunstwerke gehören zu den heiligen Dingen: was für "Kunst" erklärt wird, ist sakrosankt; was als Unkunst stigmatisiert wird, ist ein öffentliches Ärgernis.

Der jüngste Fall (nur unter tausend ähnlichen): Eine große Zeitung bringt ein anstößiges Gedicht. Es ist weder obszön noch antichristlich und nicht einmal Schlamm: es kommt nur ein toter, ersoffener Matrose vor, der nicht auf dem Münchner Waldfriedhof beerdigt, sondern ausgezogen und den Wässern zurückgegeben wird – und außerdem werden die Substantiva klein geschrieben (was seit Stefan George doch eigentlich zur Tradition gehört). Da kochten die Seelen vieler Abonnenten.