In letzter Zeit waren die Haussiers in den Börsensälen vom Pech verfolgt. Zunächst verdarb ihnen die UNO-Konferenz in New York mit der damit einhergehenden Verschlechterung der Ost-West-Beziehungen das Konzept, dann blieb die von ihnen vorausgesagte Erholung der Kurse aus, weil die heftige Konjunktur-Debatte in der Bundesrepublik sowohl die in- als auch die ausländischen Anleger verwirrte. "In Bonn wird wieder einmal die Konjunktur zerredet!" hieß es gereizt, wobei man weniger die Konjunktur als die Hausse meinte. Tatsache ist, daß die deutsche Börse nunmehr in eine neue Phase eintritt, die im Zeichen einer verminderten Liquidität stehen wird.

Die Zuwachsraten in der Wirtschaft werden nach dem nahezu übereinstimmenden Urteil der Experten im kommenden Jahr das Ausmaß von 1960 nicht erreichen. Der "Boom" nähert sich seinem Ende. Er dürfte abgelöst werden durch eine "Konsolidierung auf hohem Niveau". Das reicht aber für die Börsenphantasie nicht aus, die sich nur für Rekordgewinne, Rekordumsätze und Rekord Investitionen begeistern kann. Nun, für 1960 wird es eine Reihe solcher Rekorde geben. Aber damit hat man gerechnet, und sie sind weitgehend in den heutigen Kursen berücksichtigt.

Zu einer Fortsetzung der allgemeinen Hausse kann es eigentlich nur dann kommen, wenn die Nachfrage nach Aktien wieder größer wird als das Angebot. Das kann von zwei Seiten her eintreten. Einmal durch ein wachsendes Interesse breiter deutscher Sparerkreise an den Aktien, und zweitens durch ein massives Einströmen ausländischer Gelder auf den deutschen Aktienmarkt. Zunächst haben wir allerdings festzuhalten, daß die Sparneigung des deutschen Publikums trotz steigender Einkommen etwas nachläßt. Das dürfte jedoch nur vorübergehend sein. Man darf unterstellen, daß gegenwärtig schon beträchtliche Summen für die im Januar beginnende Zeichnungsaktion für VW-Aktien bereitgestellt werden. Ein Teil davon wäre sicherlich dem Aktienmarkt ohnehin zugute gekommen, nicht zuletzt über den Erwerb von Investment-Zertifikaten, die in den letzten Jahren um die Weihnachtszeit herum stets recht rege gefragt waren.

Im übrigen bestätigen die Berichte der Investment-Gesellschaften, daß das Interesse am Wertpapiersparen gegenwärtig nachgelassen hat. Die diversen Warnungen vor den angeblich zu hohen Aktienkursen wirken sich verspätet aus. Dabei ist festzuhalten, daß Mittel für die Anlage in Wertpapieren immer noch reichlich vorhanden sind, jedenfalls in Kreisen des Publikums. Sie werden aber nur noch "gezielt" eingesetzt, also dort, wo besondere Kurschancen vermutet werden oder wo die Kurse im Zuge schwacher Börsentage als über Gebühr gedrückt gelten können. Wer nach solchen Papieren Ausschau hält, ist jedoch weniger ein "Wertpapiersparer", sondern mehr oder weniger ein "Sachverständiger", der sich bei steigenden Kursen auch einmal von seinen Papieren trennt.

Sieht man von Ausnahmen ab, so trat das Ausland meist als Verkäufer deutscher Aktien auf. Zusammen mit den vielen kleinen Verkaufsorders der nervös gewordenen deutschen Bankenkundschaft übte es einen merklichen Kursdruck aus, den aufzufangen niemand so rechtes Interesse hatte. Läßt man die bereits erwähnten Polster des Publikums außer acht, die erfahrungsgemäß nur dann schwinden, wenn die Börse eine Zeitlang "fest" gewesen ist, so sind dafür die einsatzfähigen Mittel begrenzt. Die Manövrierfähigkeit der Banken ist durch die Restriktionspolitik der Bundesbank beengt. Neben den hohen Mindestreserven ist den Kreditinstituten eine weitere Milliarde (genannt Blessing-Milliarde) abgezapft worden. Die Aufbringung der Industrie-Entwicklungs-Milliarde steht bevor. Wenngleich hier die Industrie als Kapitalgeber auftritt, so werden die Mittel gleichwohl von den Bankkonten der einzelnen Gesellschaften abgezogen, was die Institute ohne Zweifel spüren werden, die ohnehin zur Zeit mit der Finanzierung der saisonalen Herbstspitze alle Hände voll zu tun haben.

In diese angespannte Situation ist nun die Goldspekulation hineingeplatzt, über die wir an anderer Stelle dieses Blattes berichten. Für die Börse muß sie im Zusammenhang mit der Spekulation um die DM-Aufwertung und die Dollar-Abwertung gesehen werden. Die Verkäufe deutscher Wertpapiere durch ausländische Gruppen (meist auf Empfehlung Schweizer Bankiers) nahmen zu, als das Bundeskabinett erneut erklärte: Die DM wird nicht aufgewertet! Da hinter dieser Erklärung diesmal auch der Bundeskanzler stand, erschien sie glaubwürdiger als alle früheren Deklamationen dieser Art. Es gibt keine Zweifel daran, daß ein Teil der ausländischen Spekulation nicht zuletzt deshalb deutsche Aktien gekauft hatte, um in den Genuß eines etwaigen Aufwertungsgewinns zu gelangen. Dieser Kaufanreiz besteht zur Zeit; nicht mehr. Die DM-Positionen wurden liquidiert, und die Erlöse flossen dem Gold zu.

Wenn man alle Faktoren zusammenzieht und davon ausgeht, daß politische Störungen von Gewicht erst im kommenden Frühjahr zu befürchten sind, so kommt man zu dem Schluß, daß die Börse sich in den nächsten Monaten auf "Bescheidenheit" einstellen muß. Bescheidenheit bedeutet jedoch nicht Schwäche. Aber wahrscheinlich wird man sich in Zukunft wieder mehr für die Rendite und weniger für Dinge interessieren, die erst in Jahren für die Gesellschaften gewinnbringend sein werden. Vielleicht kommen auch dann wieder die Montan-Aktien zu Ehren, bei denen sich eine gute Rendite ausrechnen läßt und die in den Schwächeperioden der vergangenen Wochen deshalb nur wenig gelitten haben. Hinzu kommt, daß sich das Ausland weitgehend von ihnen ferngehalten hat und sie deshalb weniger anfällig sind. Doch auch bei der Mehrzahl der anderen Papiere erscheint ein Kurspessimismus unangebracht. Die aufgegliederten ("gläsernen") Ertragsrechnungen, zu der die Unternehmen für 1960 verpflichtet sind, werden zeigen, daß der größte Teil der optisch hohen Kurse durch eine entsprechende. Ertragskraft untermauert ist. Kurt Wendt