Von Walter Abendroth

Der deutsche Theatermarkt steht wieder einmal im Zeichen einer Überschwemmung mit Importen. Und es hilft wohl nichts: auch wenn man vielleicht beweisen könnte, daß es in deutschen Schubladen und Archiven noch den einen oder anderen ungehobenen Schatz gibt – zweifellos reicht unsere Produktion nicht einmal mehr aus, den eigenen Bedarf zu decken, geschweige denn der Einfuhr mit einem entsprechenden Ausfuhr-Volumen die Waage zu halten.

Eine einzige Woche brachte in München und seiner näheren Umgebung drei deutsche Schauspiel-Erstaufführungen. Im Münchener Residenztheater kam "Rashomon" von Fay und Michael Kanin heraus, in den Kammerspielen "Frank V." von Friedrich Dürrenmatt – und auf der Städtischen Bühne Ulm "Der Rebell, der keiner war" von Sean O’Casey.

Der "Rashomon"-Stoff aus den Erzählungen des japanischen Dichters Ryunosuke Akutagawa ist bereits vor Jahren durch eine glänzende Verfilmung bekannt geworden. Die Bühnenfassung dürfte kaum imstande sein, jenen verjährten Erfolg wieder aufleben zu lassen. Die kriminalpsychologische Streitfrage, wie wohl der wahre Sachverhalt einer Vergewaltigung vor den Augen des später am Tatort ermordet (oder selbstentleibt) aufgefundenen Ehegatten gewesen sein mag, enthüllte gerade in den Tagen des Pommerenke-Prozesses, vor diesem verblassend, ihre Attraktion. Es langte zum Achtungsapplaus für den saftstrotzenden Wüstling (Hans Dieter Zeidler), die undurchschaubare Frau (Elfriede Kuzmany), den profillosen Samurai (Peter Arens) und – den vorsichtigen Inszenator Leonard Steckel.

Aufregender ging’s bei Dürrenmatt zu. Da man eine "Vorpremiere" für offenbar besonders vertrauenswürdige Gäste angesetzt hatte, waren die Premierenabonnenten wegen der dennoch erhöhten Preise der faktischen Zweitaufführung a priori kampflustig gestimmt. Es kam zu lärmenden Demonstrationen, die sich alsbald eindeutig gegen das Stück richteten: Es war für einen Kabarett-Sketch zu lang und für ein ernst gemeintes Bühnenwerk zu unernst; es legt den Verdacht einer heimlich beabsichtigten Groteskkarikatur Brechtscher Gesellschaftskritik nahe.

Die "Oper einer Privatbank" erschien in einer Aufführung von höchster Perfektion, für deren darstellerische Trümpfe die Namen Romuald Pekny (Personalchef), Kurt Horwitz (Frank V.), Therese Giese (seine Gattin), Peter Lühr (Prokurist) und Maria Nicklisch (Frieda Fürst) stehen. Hans Schweikart, der veritable Meister der Regie, versprach, eine Unterhaltung zwischen Publikum, Presse und Autor zu arrangieren. (Es ist nicht anzunehmen, daß sie neue Gesetze zutage fördern wird.)

Auch was in Ulm zu sehen war, ist gewiß kein epochemachendes Meisterwerk, wohl aber ein solides, dankbares und gekonntes Gebrauchsstück. Der achtzigjährige Dichter O’Casey, von Bernard Shaw nachdrücklich gewürdigt, einst glühender irischer Patriot und Freiheitskämpfer, dann enttäuscht und resigniert, versteht sich auf das tragisch-lächerliche Doppelwesen der Welt, das er in seinen Landsleuten besonders plastisch, sozusagen modellhaft ausgeprägt gefunden haben mag.