Die Vereinten Nationen feiern Jubiläum. Fünfzehn Jahre ist es her, daß nach langen Beratungen, die noch weit in die Kriegszeit zurückreichten, die Organisation der Vereinten Nationen Wirklichkeit wurde. Präzis gesagt: Am 24. Oktober 1945 trat die von 51 Nationen ratifizierte Gründungsurkunde in Kraft.

Die beiden Jahreszahlen 1945 und 1960 markieren Ausgangspunkt und gegenwärtiges Stadium einer Entwicklung, die in späteren Geschichtsbüchern unter dem Kapitel abgehandelt werden mag: Der Aufbruch der Kleinen. Die Institution der UN hat in den anderthalb Jahrzehnten ihrer Geschichte zwar ihre Organisationsform bewahrt, ihren Charakter indes von Grund auf verändert. Im Anbeginn war sie kaum etwas anderes als ein Instrument, das sich die Großmächte schufen, um Probleme und Konflikte der Nachkriegszeit möglichst glatt lösen und bügeln zu können. Unter sich, wohlgemerkt – die mittleren und kleinen Nationen waren nicht viel mehr als ein wohlwollend geduldetes, unangenehm dekoratives Beiwerk.

Fünfzehn Jahre später muß sich der Herr des Sowjetimperiums, der einen der zwei beherrschenden Weltmächte, gleichgeordnet mit Delegierten aus nunmehr 99 Nationen in die eng gewordenen Stuhlreihen des Plenums zwängen. Und es bleibt ihm – angesichts der Attacken eines Zwergstaatpolitikers – in ohnmächtigem Zorn nichts anderes übrig, als seinen Schuh als eine neue Waffe der Diplomatie zu erproben.

Diese Relativierung der Gewichte, sie ist in der Tat das hervorstechende Merkmal, das sich zur Jubiläumsstunde der Vereinten Nationen registrieren läßt. Die UN ist zu dem geworden, was sie dem Anspruch nach von vornherein war: zu einer Weltorganisation. Das bringt nun aber zweifellos auch neue Spannungen und Widrigkeiten mit sich.

Seit vor ein paar Wochen die Delegierten der jungen afrikanischen Staaten in die Welt-Streichholzschachtel am East-River einzogen, sind immer wieder Stimmen laut geworden, welche auf die grotesken Mißverhältnisse hinweisen, die bei der UN-Beschlußfassung auftreten. Gewiß, es mag auf den ersten Blick absurd erscheinen, daß ein kleiner afrikanischer Staat, dessen Bevölkerung noch nicht einmal eine Million zählt, im Weltforum das gleiche Stimmengewicht hat wie das große Indien mit seinen 400 Millionen. Aber welcher andere Abstimmungsmodus wäre denn denkbar?

Das egalitär-demokratische Prinzip, das auch dem weltparlamentarischen System der UN zugrunde liegt, hat sich in der Geschichte des Abendlandes zwar nicht als vollkommene, wohl aber als die beste aller möglichen Formen politischer Willensbildung erwiesen. Sollten wir denn im Ernst eine Art Mehrklassen-Wahlrecht für die UN erwägen? Nach welchen Kriterien würden dann die Klassen festgelegt – und vor allem: wer legte sie fest? Es bleibt doch wohl besser bei der gegenwärtigen Regelung, die unsinnige Einzelzüge aufweisen, mag, deren tieferer politischer Sinn aber darin liegt, daß sie die Schwachen mächtig macht und die Macht der Mächtigen schwächt.

In New York hat der indonesische Staatspräsident Sukarno erklärt, in ihrer gegenwärtigen Form und in ihrer Arbeitsweise sei die UN "ein Produkt des westlichen Staatssystems". Sicherlich, aber weiß er, der doch gewiß kein Mächtiger ist, eine andere Form vorzuschlagen, die ihm und seinesgleichen noch mehr Einfluß gewährt als bisher?