Eine Opposition, die nicht ausreichte, und ein Jahrhundert, das warten muß

Die 207 Opponenten gegen de Gaulle hätten die Unterstützung von weiteren 70 Abgeordneten des Parlaments finden müssen, dann wäre in der Nacht zum Dienstag die Regierung Debré zum Rücktritt gezwungen worden. Neuwahlen hätten ausgeschrieben werden müssen. Neue Parteikämpfe hätten begonnen, in denen zutage getreten wäre, wie stark sich die Zahl der Radikalen von links und rechts – besonders von rechts – vermehrt hat und wie sehr die Leidenschaften sich erhitzt haben. Vielleicht wäre das Chaos hereingebrochen, das vielgefürchtete, das auch de Gaulle vor Augen sah, als er sein Volk vor einigen Tagen pathetisch anflehte: Aidez-moi!, Franzosen, helft mir! So aber ist Debré nicht gestürzt worden, und de Gaulle hat seinen Rückzug ins lothringische Heimatdorf Colombeyles-Deux-Eglises nicht angetreten. Die Vernunft hat noch einmal gesiegt; aber wir müssen uns fragen, was für eine Vernunft das ist...

Opposition von links und rechts

Die Kommunisten haben gegen de Gaulle gestimmt – nun gut, das war zu erwarten. Dies um so mehr, als der Staatschef gerade zuvor, bei seinem Aufenthalt in Nizza, die Tatsache, daß Chruschtschow die Regierung der algerischen Aufständischen de facto anerkannt hatte, mit Bemerkungen von glanzvoller Ironie bekränzt hatte: "Es ist die Geschichte von Tartüff, der sich zum Beschützer der Tugend aufspielt, um leichter Erfolg bei den Frauen zu haben." Und er hatte die "Nationen" aufgezählt, die von den Sowjets ins Joch gezwungen wurden: "Polen, Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Albanien, Estland, Lettland, Litauen, Preußen, Sachsen. Ich weiß nicht" – so der General –, "ob ich nicht einige vergessen habe, das ist gut möglich."

Die Rechtsradikalen haben gegen de Gaulle gestimmt, die Neo-Faschisten, die an einem "Französischen Algerien" festhalten und denen die Wut die Köpfe rötete, als sie hören mußten, in welchen Worten sich der Staatschef in Nizza an die Aufständischen von Algerien gewandt hatte. "Frankreich", so rief er aus (und er sagt ja gern "Frankreich", wenn er "de Gaulle" meint) "streckt all jenen, die bisher nicht verstehen wollten, die Hände entgegen." Die Teilnahme der Rechtsradikalen, zu denen auch der abtrünnige de-Gaulle-Freund Soustelle gehört, an der Anti-de-Gaulle-Front kann also nicht überraschen.

Aber in seiner Rede vor der enthusiastischen Bevölkerung von Nizza hat de Gaulle nicht nur nach links und rechts geschlagen. Er hat zugleich mit harten Worten auch viele französische Politiker der Mitte apostrophiert, die gestern noch seine Freunde waren und auch heute nicht allesamt seine erklärten Feinde sind. Ihnen gegenüber hat er sich den Ton des alten Parlaments- und Parteien-Verächters erlaubt, als er "von hoch oben herunter" sagte: "Der Staat wird es nicht gestatten, daß gewisse Persönlichkeiten sich gewisse Situationen zu persönlichem Bedarf oder zu politischer oder gewerkschaftlicher oder militärischer oder journalistischer oder anderer Nutzung zurechtschneidern und Druck auf die Führung Frankreichs ausüben. Die Leitung Frankreichs gehört denen, die damit beauftragt sind, insbesondere mir!"

Zu denen, die sich das nicht sagen lassen wollen, gehört der Sozialist Guy Mollet, der denn auch die Front der Opposition in diesen Tagen der V. Republik angeführt hat, da es schien, als sei das Parlament der IV. Republik noch einmal zum Leben erwacht. Er kämpfte als vorsichtiger Europäer, als er im Parlament sagte, die von de Gaulle gewünschte "Force de frappe", die große, eigene nukleare Abschreckungswaffe, sei ein Unding. Sie könne nur im europäischen Rahmen wirksam und tragbar sein. In der Beurteilung des algerischen Krieges, dessen Behandlung in dieser Debatte ja auch nicht auf der Tagesordnung stand, hätte Mollet kurz treten müssen. Er war es ja, der vor Jahren die Androhung seines damaligen Vorgängers im Amt des Ministerpräsidenten, Mendès-France, wahr gemacht hatte: nämlich "sans faiblesse" gegen die Aufständischen vorzugehen, worauf denn Lacoste auch wirklich "ohne Schwäche" auftrat: Anlaß zu großer Willkür gegenüber den Algeriern, die doch vor wenigen Jahren erst französische Staatsbürger, wenn auch zweiten Grades, geworden waren; Anlaß zur Härte, zu Grausamkeiten auf beiden Seiten; Anlaß schließlich zur Ausprägung jener radikalen Haltung unter vielen Algerien-Franzosen, die man nicht anders als "faschistisch" bezeichnen kann. All solche Sünden der Vergangenheit werfen ihre Erinnerungsschatten, sobald Mollet redet. Und de Gaulle war es nicht, der diese Fehler machte.