Es gab mehrere Gründe für die New Yorker "Explosionen"

Von Wolfgang Leonhard

Seit der Rückkehr Chruschtschows aus New York steht die Sowjetunion im Zeichen einer neuen Kampagne. Seine Auftritte vor den Vereinten Nationen werden überschwenglich gefeiert, die negativen Seiten verschwiegen, bagatellisiert oder aber den "Machenschaften" feindlicher Kräfte zugeschrieben.

Unter der ganzseitigen Überschrift "Herzlichen Dank der Partei und Regierung" veröffentlichte dieser Tage die Prawda eine Auswahl aus Hunderten von Briefen, die die Redaktion angeblich erhalten hat. "Die Reden von Nikita Sergewitsch Chruschtschow sind tief in unsere Herzen eingeschrieben", meinte eine Angestellte aus dem Nordkaukasus. "Alle seine Worte waren heilige Wahrheit", erklärte ein Schlosser aus einem Leningrader Betrieb. Ein Kollektivbauer aus Bjelorußland dankte Chruschtschow "für seine große Tätigkeit für den Frieden in der ganzen Welt".

Nach dem üblichen, seit 1957 bestehenden Ritual, sind auch die alten Bolschewiki herangezogen worden. Sie gaben in einem offenen Brief ihrer "Bewunderung" für Chruschtschow Ausdruck, der "mit marxistisch-leninistischer wissenschaftlichen Begründung die Hauptfragen der Gegenwart aufgedeckt" habe. "Wir sind stolz auf Ihren bolschewistischen Mut und Ihre Furchtlosigkeit im Kampf gegen den Imperialismus".

Die gegenwärtige Kampagne hat ganz offensichtlich den Zweck, den neuen "Chruschtschow-Stil", der besonders kraß bei der Tagung der UN zum Ausdruck kam, zu rechtfertigen und als Ausdruck des Willens der Bevölkerung darzustellen. Dieser Chruschtschow-Stil – die Zügellosigkeit seiner Ausfälle, die häufige Unterbrechung anderer Redner, die Zornesausbrüche, das Protesttrommeln mit den Fäusten und die persönlichen Beleidigungen anderer Delegierter – ist jedoch keineswegs neu. Temperamentvolle Ausbrüche dieser Art sind vielmehr bei Chruschtschow genau von dem Moment an zu verzeichnen, da seine Machtstellung in der Sowjethierarchie stark genug war, um sich dies erlauben zu können.

Das erste Beispiel war seine Rede auf dem tschechoslowakischen Parteitag im Juni 1954, als er vom vorbereiteten Manuskript abwich und Erklärungen abgab, die in ihrer Schärfe weit über die damalige offizielle Parteilinie hinausgingen. Die anderen Parteiführer waren aber damals noch stark genug, um erreichen zu können, daß seine bereits vom Prager Rundfunk verbreitete Rede abgeschwächt in der Prawda veröffentlicht wurde.