DIE ZEIT

Müssen Politiker verschlissen werden?

Nach den Kommunal- und Kreistagswahlen in Hessen und Rheinland-Pfalz läßt sich aufs neue die Frage stellen, ob es sinnvoll ist, die prominentesten Parteiführer bei einer schlichten Gemeindewahl so zu strapazieren, wie es hier geschehen ist.

De Gaulle – oder das Chaos

Die 207 Opponenten gegen de Gaulle hätten die Unterstützung von weiteren 70 Abgeordneten des Parlaments finden müssen, dann wäre in der Nacht zum Dienstag die Regierung Debré zum Rücktritt gezwungen worden.

Die Reaktion steht links

Blüht den deutschen Sozialdemokraten das gleiche, Schicksal wie der englischen Labour Party: Sollen auch sie von einer Handvoll radikaler Gewerkschaftsführer um ihre politischen Chancen gebracht werden? Seit dem Berliner Gewerkschaftstag der IG Metall ist das keine müßige Frage mehr.

Bedenken gegen Bonner Geheimfonds

Das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung hat einen Geheimfonds in Höhe von 13 Millionen Mark, der Bundeskanzler verfügt über einen Geheimfonds von 250 000 Mark.

Zeitspiegel

„Der letzte Freund, der mir verblieben ist, seitdem ich Verkehrsminister geworden bin, winkte mir mit einem Stück Papier zu, das ein Strafzettel für falsches Parken war, und bedeutet mir, daß es nach seiner Meinung nur eine Verwendungsmöglichkeit für diesen Zettel gebe.

Bürgerkrieg des Gewissens

Der Blumenstrauß, den das kleine Mädchen dem fremden, großen Mann freudig erregt hinaufreichte, war aus Pappe. General de Gaulle war verärgert.

Zwischenfall in Bonn

Botschafter Andrej Smirnow ist gemeinhin ein beherrschter Mann. Ihm würde niemand zutrauen, daß er sich den Schuh auszieht und damit, wie es sein Chef in New York getan hat, zum Protest auf den Tisch schlägt.

Als wär’s ein deutscher Präsident...

Bonn besinnt sich auf Afrika. Unterstützt von der Bundesregierung, hat die deutsche Afrika-Gesellschaft, deren Vorsitzender Bundestagspräsident Gerstenmaier ist, einen mächtigen Anlauf genommen, um der deutschen Öffentlichkeit den erwachenden Kontinent näherzubringen.

Das Forum der Neunundneunzig

Die Vereinten Nationen feiern Jubiläum. Fünfzehn Jahre ist es her, daß nach langen Beratungen, die noch weit in die Kriegszeit zurückreichten, die Organisation der Vereinten Nationen Wirklichkeit wurde.

Ärger mit dem zweiten Fernsehen

Es geht mit dem zweiten Fernsehen nicht so glatt voran, wie es sich der Bundeskanzler vorgestellt hat. Kaum sind die Schwierigkeiten mit den von einer Partei regierten Ländern endlich bereinigt, Ja taucht eine Fülle technischer Hindernisse auf; der Aufsichtsrat ist offensichtlich eigenwilligerer als erwartet, und auch die Rechtslage wird jetzt in Bonner Regierungskreisen nicht mehr so optimistisch beurteilt wie noch vor einiger Zeit.

Der Chruschtschow-Stil

Seit der Rückkehr Chruschtschows aus New York steht die Sowjetunion im Zeichen einer neuen Kampagne. Seine Auftritte vor den Vereinten Nationen werden überschwenglich gefeiert, die negativen Seiten verschwiegen, bagatellisiert oder aber den „Machenschaften“ feindlicher Kräfte zugeschrieben.

Ostberlin: Richter von Ulbrichts Gnaden

In der Sowjetzone haben die sogenannten Richterwahlen begonnen. In öffentlicher Sitzung werden von den örtlichen Volksvertretungen in den Städten, Kreisen und Bezirken mehr als tausend Richter für die Dauer von drei Jahren bestellt: 730 Richter für die Kreisgerichte, 190 für die Bezirksgerichte, 70 für die Stadtbezirksgerichte und 25 für das Ostberliner Stadtgericht.

Verlochtes Schriftgut

Da hatte ein niedersächsischer Beamter eine Idee. Und er hatte, amtiert er doch an hoher Stelle in einer zentralen Behörde, darüber hinaus auch die Möglichkeit, diese Idee in die Tat umzusetzen.

Bremen: Billiges Benzin

Als Bremen vor einigen Jahren das unter dicken Farbschichten verborgene, dem Kölner Stadtmaler Bartholomäus van Bruyn zugeschriebene prachtvolle Renaissancegemälde „Das salomonische Urteil“ in der Alten Halle des Rathauses wiedergeschenkt wurde, ahnte keiner der Restauratoren, daß der Hansestadt im Jahre 1960 ausgerechnet in dem profanen Streit um „billiges“ Benzin ein leibhaftiger Salomon erwachsen würde.

Klein-Landtage aus der Retorte?

Der Föderalismus, den man im schwäbischalemannischen Gebiet liebevoll hegt und den dort auch die CDU mit Verve gegen Bonn verteidigt, hat eine etwas skurrile Blüte getrieben: Eine Gruppe südbadischer CDU-Politiker vom Bodensee will sich nicht damit begnügen, daß das Volk Baden-Württembergs durch die 63 Kreistage und den Landtag vertreten ist, sondern noch eine Zwischeninstanz einschalten, den Landschaftstag.

Schleswig-Holstein: Elendsquartiere

Die meisten Lager in Schleswig-Holstein sind aufgelöst, die Baracken sind abgebrochen. Die Bewohner – Heimatvertriebene und Flüchtlinge – wurden in bessere Wohnungen eingewiesen.

Monolog eines Gestapo-Mannes

...auf einen Film wie diesen haben wir fünfzehn Jahre lang warten müssen, fünfzehn Jahre, wissen Sie, was das heißt? Und Soldatensender Calais ist natürlich erst ein bescheidener Anfang.

Unmittelbare Bedrohung

In einem Gedicht von Novalis heißt es: „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren sind Schlüssel aller Kreaturen ... dann fliegt vor einem geheimen Wort das ganze verkehrte Wesen fort.

Erzbischof wider Willen

Das Burgtheater hatte all seinen Glanz aufgeboten: nicht nur den Glanz eines Ensembles, bei dem sich auch die vielen kleineren Rollen noch mit guten Darstellern besetzen lassen, sondern auch alle Subtilitäten der Maschinerie.

Unbürger, Elsässer

Die erste Zeit nach dem Krieg 1914/18 lebte Otto Flake in Zürich; oft sah ich den hochragenden blonden Wikinger im Café Odeon, auf dessen braunen Ledersofas man in den voraufgehenden Jahren Wedekind, Busoni, Schickele, Annette Kolb, Werfel, Hugo Ball, Kraus, Klabund, Arp und wen noch alles! hatte antreffen können, alles Geistige, wie man damals sagte, die leidend hofften, dieser Krieg werden den Europäern nun endlich ein für allemal den nationalistischen Koller und seinen Machtwillen ausbrennen.

Mein Gedicht: Todesfuge

Ich habe, durch die Jahrzehnte hindurch, nacheinander sechs Zeilen aus sechs Gedichten kennengelernt, die sich mit mir kommunizierten und mich veränderten.

Zeitmosaik

Gisela von Collande, die wir auf unserem Bilde in der Rolle der Hedda Gabler (Ibsen) sehen, ist am vergangenen Sonntag in der Nähe von Pforzheim tödlich verunglückt.

Ausländische Autoren ersetzen deutsche

Der deutsche Theatermarkt steht wieder einmal im Zeichen einer Überschwemmung mit Importen. Und es hilft wohl nichts: auch wenn man vielleicht beweisen könnte, daß es in deutschen Schubladen und Archiven noch den einen oder anderen ungehobenen Schatz gibt – zweifellos reicht unsere Produktion nicht einmal mehr aus, den eigenen Bedarf zu decken, geschweige denn der Einfuhr mit einem entsprechenden Ausfuhr-Volumen die Waage zu halten.

Verständliche Chemie

Aus der Verbindung von Wissenschaft und Publizistik ist ein Kind entsprossen, zu dem, sich beide Eltern nicht recht bekennen mögen: die „Populärwissenschaft“ – schon der Name ist ein Naserümpfen wert – bei uns bis auf den heutigen Tag ein Seiltanzen über dem Abgrund der Vulgärwissenschaft.

Übersetzung als Hindernis

Europa hat. seine geistige Weltgeltung viel länger bewahrt als die politische – so wie ein begüterter Mann, der sich von den Geschäften zurückgezogen hat, vom Kapital zehren kann.

Fünfzehn Deutsche in der Bundesrepublik

Ich lebe nicht in der Bundesrepublik – interessiere mich aber – weil ich einmal in Potsdam zu Hause war und dann in Weimar – für alle, die hier leben.

Zwischen Wahrheit und Wahnsinn

Kein Kunstwerk ist eine Insel. Auch das einsamste, ganz in sich ruhende, sich selber tragende Werk berührt sich stets mit einer anderen Sphäre – der Musik, dem Bild, der Philosophie, dem Traum, der Realität –, die sich unbeschworen, ungerufen einstellt, angezogen durch die Kraft der Verwandtheit oder des Gegensatzes.

Die Jugend „drüben“

Halbstarke heißen sie in Deutschland, teddyboys in England, hoodlums in den USA; oder um einen Grad intellektueller, „angry young men“ in England, beatniks in Amerika: – insgesamt zu definieren als Suchende, Aufsässige, Unruhige, auch Vernachlässigte, auch Verwahrloste – junge Menschen aller Intelligenzstufen, deren Seelen in Gärung geraten.

Zweimal unter Diktatoren fabulieren

Diktaturen haben es an sich, daß die Wetterforscher nicht neugierig in ihnen herumreisen und Hochs und Tiefs aus nächster Nähe betrachten können.

Ärzte für freiwillige Selbstbeteiligung

Der größte freie ärztliche Verband Deutschlands, der Hartmann-Bund, hat sich offiziell für die letzten Vorschläge zur Selbstbeteiligung ausgesprochen, wie sie die CDU/CSU-Abgeordneten im sozialpolitischen Ausschuß des Bundestages unterbreitet haben.

Gast ohne Bargeld

Der „Diner’s Club“ und andere private (besonders amerikanische) Kreditkarten-Organisationen bekommen in Europa Konkurrenz. Unter der Ägide des internationalen Hotelierverbandes ist in Frankreich ein Kreditkartensystem eingeführt worden, das gewisse Nachteile des herkömmlichen Systems beseitigen und außerdem die ganze Aktion auf eine wesentlich breitere Basis stellen soll.

Ein neuer Goldrausch

Vertrauenskrise des Dollars verursacht Gold-Spekulation – Aber die USA müssen nicht abwerten

Zeitraffer

Als Alternative zu einer echten (oder verschleierten Aufwertung wird in Bonn erwogen, zusätzlich [(durch Gesetz) eine Rate der Körperschaftssteuer und der Steuer vom Einkommen über 80 000 DM zu erheben.

Volkstümliches

Die Komposita mit dem Begriff „Volk“ stehen unter einem üblen Stern. Manche sind derart belastet, daß man sich schier entschuldigen möchte, wenn man eines davon unbeabsichtigt gebraucht.

Compact Cars zu erfolgreich

Die Entlassungen von Arbeitern bei Renault, Frankreichs größtem Automobilhersteller mit einem Anteil von 40 vH an der nationalen Pkw-Produktion, dürfen als Zeichen dafür gewertet werden, daß dieser zwar verstaatlichte, aber nach strikt privatwirtschaftlichen Grundsätzen verwaltete Betrieb entschlossen ist, sich möglichst rasch an die durch die massive Gegenoffensive der amerikanischen Automobilindustrie auf einigen der wichtigsten Automobilmärkten der Welt veränderte Marktlage anzupassen.

Das Privatisierungs-Windei

Viel Zeit und Energie verwandte Bundesschatzminister Dr. Wilhelmi darauf, auch die Vereinigte Tanklager- und Transportmittel GmbH (VTG) in Form von Volksaktien an den kleinen Mann zu bringen.

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