Satire von Wolfgang Ebert

...auf einen Film wie diesen haben wir fünfzehn Jahre lang warten müssen, fünfzehn Jahre, wissen Sie, was das heißt? Und Soldatensender Calais ist natürlich erst ein bescheidener Anfang. Da wird ja nur eine Angestellte der Gestapo gezeigt, die ein prächtiger Kerl war und den Widerständlern half, und das auch nur aus Liebe, nicht etwa, weil sie was gegen unsere damalige Regierung gehabt hätte. Als ob wir von der Gestapo und vom SD nicht Tag für Tag engsten Kontakt mit den Leuten von der Résistance gepflegt hätten! Ich sehe, Sie verstehen, was ich meine.

Jawohl, ich war bei der Gestapo und zwei Jahre beim SD! Jetzt kann man es ja wieder offen bekennen. War ja eine Schweinerei, wie wir treuen Diener des Staates, die nur ihre Pflicht getan haben und Befehle ausführen mußten, jahrelang diffamiert worden sind und verfemt waren. Das taten Deutsche gegen Deutsche! Aber wir sollten ja an all diesen angeblichen Verbrechen – daß die Leichen von Auschwitz alle vom Dresdener Luftangriff stammen, wissen Sie ja sicher – schuld gewesen sein, wir allein. Als ob das unser kleiner Haufen allein geschafft hätte! Als ob die anderen nicht ziemlich genau dasselbe getan haben – aber an irgend jemand mußte es ja hängenbleiben. Und das waren eben wir.

Solche Zerrbilder sind dann natürlich auch von der Bühne und von der Leinwand her verbreitet worden. Und angefangen hat damit dieser Herr Zuckmayer mit seinem Teufels General. Diese Herren Fliegergenerale, das waren ja die feinen Pinkel, die holten zwar für den Hitler die Kastanien aus dem Feuer, aber immer so, daß sie sich nicht dabei die Finger schmutzig machten; und vor allem hatten sie bei jeder Bombe, die sie auf England abwarfen, so ein schrecklich schlechtes Gewissen.

Die Bösewichte aber, das waren natürlich die Amtswalter von der Partei, Leute wie dieser Schmidt-Lausitz. Und bei diesem Klischee ist man erstmal eine Weile geblieben.

Denken Sie nur an den Canaris-Film! Dieser Herr hat ja einige Kriegsjahre lang dem Dritten Reich recht wertvolle Dienste geleistet, vielleicht sogar wertvollere als wir. Aber ein richtiger Nazi war er eben nicht, sondern ein vornehmer Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle, ein vorbildlicher Vertreter besten deutschen Bürgertums. Der Halunke in diesem Film, das war natürlich einer vom SD!

Mit diesem Film ging es richtig los. Auf der einen Seite die Wehrmacht – lauter blondgelockte, prächtige Burschen, die nur ihre Pflicht erfüllen und vom Adolf nichts wissen wollen, so wie die Fliegeroffiziere im Marseille-Film. Und dann immer so ein dunkelhaariger Widerling, das ist dann der fanatische Nazi, den sie alle aus tiefster Soldatenseele verachten, die ritterlichen Herren. Manchmal wurde dann auch noch gezeigt, wie diese üblen Nazis wilde Orgien feiern – dabei weiß doch jeder, daß die meisten unserer KZ-Kommandanten ein vorbildliches Familienleben führten.