Mit der Einführung ausländischer Aktien an den deutschen Börsen hat sich der deutsche Aktiensparer zwangsläufig auch mit dem Problem der nennwertlosen Aktie zu beschäftigen. Bei Aktien ist der Nennbetrag der betragsmäßige Anteil am Grundkapital. Er ist jeweils auf den Original-Urkunden angegeben. Auf den Nennbetrag wird die Dividende gezahlt. Die nennwertlosen Aktien verkörpern einen Anteil am Vermögen einer Gesellschaft, ebenso wie das Investment-Zertifikat einen Anteil an dem Vermögen des jeweiligen Fonds darstellt. Der Gewinn (Dividende) wird nicht auf einen Nennwert, sondern je Anteil ausgeschüttet. Beide Methoden haben Vor- und Nachteile. Sie wirken sich allerdings nicht auf den Wert der Vermögensanlage an sich aus.

Wenn wir uns, meine verehrten Leser, über die Unterschiede zwischen der bei uns üblichen Aktie und der nennwertlosen Aktie unterhalten wollen, müssen wir uns notgedrungen zunächst die Passiv-Seite der Bilanz einer Aktiengesellschaft ansehen.

Wir finden dort zunächst das Aktienkapital. Das ist jener Betrag, den die Aktionäre der Gesellschaft zur Verfügung gestellt haben, um sie lebensfähig zu machen. Arbeitet die Gesellschaft gut, werden die Aktionäre aufgefordert, das Aktienkapital zu erhöhen, um es dem wachsenden Geschäftsumfang anzupassen oder um mit dem eingezahlten Kapital Investitionen zu finanzieren. Ein anderer Weg, Geld für Investitionen zu beschaffen, ist die Zurückhaltung erwirtschafteter Gewinne, auf deren Ausschüttung der Aktionär verzichtet, die er also dem Unternehmen zum "Arbeiten" überläßt. Wohlgemerkt, diese Rücklagen (sie müssen als "Gewinn" versteuert werden) gehören dem Aktionär. Sie machen seine Aktie wertvoller. Wenn jemand 1000 DM einer Gesellschaft zur Verfügung gestellt hat, so hatte seine. Aktie einen Ursprungswert von 100 vH. Entfallen auf seinen Anteil später 200 DM Rücklagen, so ist der Bilanzwert seiner Aktie 120 vH. Da aber auch noch andere Faktoren auf den Kurs einwirken (Dividende, stille Reserven usw.), entfernt sich ihr Wert im Laufe der Zeit immer mehr vom Nominalwert. Nähert sich der Kurs später einmal der Notiz von 100 vH, so ist dies rein zufällig.

Je höher nun die Reserven sind, um so größer ist auch das Kapital, mit dem eine Gesellschaft arbeitet. Bei nicht wenigen deutschen Gesellschaften überschreiten die offenen Rücklagen die Höhe des Grundkapitals. Diese Unternehmen wären ohne weiteres in der Lage, Dividenden in Höhe von 20 oder 30 vH des Grundkapitals auszuschütten. Warum machen sie es nicht (oder kaum)? Weil solche Sätze in kapitalfeindlichen Kreisen Anstoß erregen und sie für politische Agitationen ausgenützt werden würden. Das geschieht aber nicht nur im Falle hoher Dividendensätze, sondern ebenfalls in bezug auf die "hohen" Aktienkurse. Natürlich muß die Börse die Aktien solcher Gesellschaften, die über Rücklagen verfügen, die oft ein Mehrfaches des ursprünglichen Grundkapitals ausmachen, anders bewerten als die Papiere von Unternehmen, die nur über ein geringes Rücklagenpolster verfügen. Aber selbst dem gutwilligen Lai?n sind solche Selbstverständlichkeiten, die allerdings einen Blick in die Bilanz erfordern, schwer verständlich zu machen. Wie sieht es in dieser Beziehung erst bei Leuten aus, die ohnehin aktienfeindlich sind oder zu deren Programm es gehört, Aktionäre als Parasiten hinzustellen?

"Von der Optik her gesehen", hat unsere gegenwärtige Notierungsweise, die in Prozenten vom Aktienkapital geschieht, deshalb erhebliche Nachteile. Das sagt auch eine Anmerkung zum Regierungsentwurf zu § 6 des noch in der Diskussion befindlichen Aktiengesetzes zu, wenn es heißt:

"Der Hauptfehler der Nennbetragsaktie, der der nennwertlosen Aktie nicht anhaftet, besteht darin, daß sie zu der irrigen Auffassung verleiten kann, der auf der Aktie aufgedruckte Nennbetrag sei ihr Wert und die in Prozenten des Aktiennennbetrags ausgedrückte Dividende sei die Rendite. In Wahrheit können Nennbetrag und Wert, Dividende und Rendite weit auseinanderfallen. Dies zeigt sich besonders deutlich, wenn der Nennbetrag des Grundkapitals mehr und mehr hinter dem wahren Vermögen der Gesellschaft zurückbleibt. In diesem Fall ergeben sich recht unerfreuliche Verzerrungen der Kurse und der Dividenden-Prozentsätze. Diesen schädlichen Auswirkungen des Systems der Nennbetragsaktie kann zu einem gewissen Teil dadurch begegnet werden, daß die Gesellschaften ihr Grundkapital durch eine Kapitalerhöhung aus Gesellschaftsmitteln (§§ 195–209) dem wahren Vermögensstand annähern."

Aber gleichzeitig wird der Vorschlag, die nennwertlose Aktie einzuführen, mit folgenden Argumenten abgelehnt: